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Für *Informanten

Vergessen an der Front

3. Januar 2013
Von Greta Hofmann

Greta aus London ist Autorin bei TONIC

Texte von Greta
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Greta Hofmann

Sie riskieren ihr Leben, doch in ihrer Landessprache gibt es für ihren Beruf nicht einmal einen Namen: Mittelsmänner wie Suliman Ali Zway arbeiten in Kriegszeiten ausländischen Korrespondenten zu. Im Libyen-Krieg spielten sie eine entscheidende Rolle. Ein Gespräch.

In Sirt, nahe der Front: Ali Zway kauert neben einem Mitstreiter neben einem Fahrzeug der libyschen Rebellen. Heute arbeitet er als freier Journalist unter anderem für die New York Times.

In Sirt, nahe der Front: Ali Zway kauert neben einem Mitstreiter neben einem Fahrzeug der libyschen Rebellen. Heute arbeitet er als freier Journalist unter anderem für die New York Times.

Bild: Kareem Fakim

Herr Zway, wie sind Sie auf den Gedanken gekommen, sich als Mittelsmann (engl. Fixer) anzubieten?

Zufall! Ich wusste ja vorher nicht einmal, dass dieser Job existiert. In den ersten Tagen, nachdem die östliche Region aufgegeben wurde, haben sich viele Leute freiwillig gemeldet, den nach Libyen kommenden Journalisten zu helfen. Ich war Fahrer, Dolmetscher und habe Kontakte hergestellt.

Was war die gefährlichste Situation, die Sie damals erlebt haben?

Ausländischen Journalisten zu helfen war bereits sehr gefährlich. Gaddafi hätte ja jederzeit die befreiten Gebiete zurückerobern können; dann wäre jeder, der Ausländern geholfen hat, übel dran gewesen. An den Fronten war es damals vor allem deshalb gefährlich, weil die Rebellen unerprobte Kämpfer waren und damit noch unberechenbarer als das Militär. Oft bin ich mit Journalisten in Straßenkämpfe geraten, wir sind auf und ab gefahren, wurden beschossen und einmal um ein Haar von Gaddafis Armee festgenommen.

"Das Surren der Drohnen ist allgegenwärtig"

Wie ist der Ruf journalistischer Mittelsmänner in der libyschen Bevölkerung?

Der Begriff des Mittelsmannes existiert in der arabischen Sprache bis heute nicht. Nur einige wenige, die in diesem Beruf arbeiten, kennen diesen Ausdruck überhaupt. Für den Rest ist es einfacher, sich als Übersetzer zu bezeichnen, obwohl sogar das in einigen Gegenden Misstrauen erregt.

Und die Auslandskorrespondenten, wie nimmt das Volk sie und ihre Arbeit heute wahr?

Heute, über ein Jahr nach der Revolution, begegnet man ihnen mit Dankbarkeit. Die meisten von ihnen haben sich bemüht, trotz allem ein positives Bild von Libyen und den Libyern zu übermitteln – in der für die meisten von uns kritischsten Zeit ihres Lebens. Leider hat sich das seit dem Angriff auf das amerikanische Konsulat in Bhengazi (bei dem auch Botschafter Christopher Stevens ums Leben kam, Anm. d. Red.) verändert. Die USA haben Drohnen ins Land gebracht, die über der Stadt kreisen und deren Surren man überall hört. Seitdem sind die Leute hier ausländischen Journalisten gegenüber wieder skeptischer geworden.

"Wäre Gaddafi an der Macht geblieben, wäre ich in großer Gefahr gewesen."

Denken sie trotzdem, dass die Arbeit der Auslandskorrespondenten geholfen hat, die Dinge zu verbessern?

Manche sehen ausländische Journalisten als Helden, die die Wahrheit über das berichtet haben, was sich hier zugetragen hat. Die Artikel, die sie schreiben und geschrieben haben, haben einen großen Beitrag dazu geleistet, die internationale Gemeinschaft auf den Plan zu rufen. Und alleine hätte Libyen diese 42 Jahre der Diktatur nicht beenden können.

Normalerweise werden Mittelsmänner – so sehr sie auch zu der Entstehung von Berichten beitragen – in den Artikeln selbst nicht erwähnt. Hat Sie das anfangs gestört?

Nein, damals wollte ich nur erreichen, dass die Geschichten veröffentlicht werden. Ich wollte einfach meinen Teil dazu beitragen, Gaddafis Propaganda zu Fall zu bringen. Weil alle staatlichen Medien kontrolliert wurden, war das nur über ausländische Medien möglich. Außerdem: Falls Gaddafi die Macht hätte halten können, wäre es lebensgefährlich für mich geworden, hätte mein Name dort gestanden.

"Welche Zeitung denkt heute schon daran, Mittelsmänner einzustellen?"

Wie können Zeitungen dazu beitragen, nicht nur ihre Journalisten zu schützen, sondern auch die Sicherheit der Mittelsmänner zu verbessern? Wie kommt es, dass dies so selten getan wird?

Das ist eine schwierige Frage. In den meisten Fällen gehen Journalisten in ein Land und wissen nicht, wen sie als Mittelsmann engagieren sollen. Sie folgen dann meistens Empfehlungen von Kollegen, die schon in diesem Land gearbeitet haben. Manche Zeitungen schicken Sicherheitsmänner mit ihren Journalisten; in diesem Fall werden die Mittelsmänner automatisch auch geschützt, aber leider machen das nur sehr wenige Zeitungen. Dadurch ist für die Mittelsmänner zwar ein gewisses Maß an Sicherheit während ihres Einsatzes gewährleistet, aber was mit ihnen passiert, wenn die Artikel geschrieben sind und die Jouralisten das Land verlassen, ist eine andere Frage.

Besteht die Chance, dass Zeitungen Mittelsmännern zukünftig eine Festanstellung bieten können?

Das bezweifle ich stark. Printmedien kämpfen in vielen Ländern ums Überleben, sogar gute Journalisten können nur schwer eine feste Anstellung bekommen oder sich als Freelancer durchschlagen. Welche Zeitung denkt da schon daran, Mittelsmänner einzustellen?

Bilder: Kareem Fakim, Nicole Tung & Sidney Kwiram


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