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Für *Profilierte

Die Rasterfahndung

2. Januar 2013
Von Marc Eppler

Marc aus Freiburg ist Redakteur bei TONIC

Texte von Marc
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Marc Eppler

Im vierten Teil seiner Kolumne "Überschätzt!" hinterfragt Marc die Reflexe, mit denen die Öffentlichkeit auf Amokläufe wie den von Newtown reagiert. Die Diskussion über das Profil der "typischen Verdächtigen" soll unser Gewissen beruhigen – und führt stattdessen in einen Teufelskreis.

Ein Bär auf diesem Bild hat kein Facebook-Profil.

Ein Bär auf diesem Bild hat kein Facebook-Profil.

Erinnert sich noch jemand an schülerVZ? Genau, das war der erste Versuch dieses Internets, unser Real-Life herunterzufahren – am Ende des vergangenen Jahres wurde es geschlossen. Dort behauptete einst eine Gruppe Folgendes: "60% aller Amokläufer spielten "Killer-Spiele". 100% aßen Brot." Auch ich bin damals mit einem herzhaften Lachen beigetreten. Doch inzwischen ist mir das wieder vergangen. Über solche Statistiken macht man offensichtlich keine Witze mehr. Sie werden für bare Münze genommen. Meine Fresse!

Amokläufe passieren. Von Jahr zu Jahr häufiger. Oder werden sie einfach nur häufiger thematisiert? Jedenfalls führen wir nach jedem neuen Zwischenfall die alten Diskussionen. Waffengesetze, Killer-Spiele, psychische Störungen und wie wir mit diesen Dingen umgehen sollen. Und parallel treibt unsere Wir-machen-die-Welt-sicherer-Arche auf einem Strom aus Paranoia vor sich hin. Die Strömung wird immer stärker und irgendwann geht dann alles den Bach runter, alles wird verboten: Waffen. Spiele. Krankheiten. Vermutlich auch Brot.

Profiliere sich, wer kann!

Auch die Bedeutung sozialer Netzwerke spielt in diesen Diskussionen eine ständige Rolle – hier aber hat sich der Wind gedreht: Vor noch nicht allzu langer Zeit wurde gepredigt, dort ja nicht zu viel Persönliches preiszugeben; der aktuelle Kanon hingegen steuert in die entgegengesetzte Richtung: Profiliere sich, wer kann! – Wer es nicht tut, hat etwas zu verbergen. Darüber wunderte sich kurz nach dem Amoklauf an der Grundschule in Newtown auch die Süddeutsche Zeitung. Vor allem in den USA sei "das fehlende Facebook-Profil nicht selten ein Ausschlusskriterium für den Zugang zu manchem Berufsfeld." Und ich Idiot habe mir kürzlich noch überlegt, der virtuellen Agora den Rücken zu kehren. Aber meinen die das ernst? Ich fasse es nicht. Nur weil die Möchte-gern-Fledermaus aus Aurora und Dr. Jekyll und Mr. Hyde aus Newtown kein Facebook-Profil am Start hatten? Fällt denn eigentlich niemandem auf, wie lächerlich das klingt?

Wie aber sollen wir sonst auf solche Ereignisse reagieren, lautet die Frage. Irgendwie muss man so etwas in Zukunft doch verhindern können. Aber muss man unbedingt Parallelen erfinden und mit dem FBI-Handbuch eine Pseudo-Analyse starten, um sich danach besser zu fühlen? Denn genau darum geht es doch: dass man sich besser fühlt. Dass man glaubt, man habe alles Mögliche unternommen. Davon ist man aber soweit entfernt wie James Eagan Holmes von einem Märtyrer. Ich wage zu bezweifeln, dass sich solch schreckliche Taten überhaupt bekämpfen lassen. Da können die Konservativen noch so viel Religionsunterricht und Gottes-Infusionen an Grundschulen fordern.

Facebook-Abstinenzler und Waffenbesitzer

Wenn diese Tragödien schon so schwer zu verhindern sind, sollten wir wenigstens davon ablassen, Öl ins Feuer zu gießen. Die Devise "Verhaftet die üblichen Verdächtigen!" war schon in Casablanca scheiße. Und mit dieser Rasterfandung und medialen Panikmache schlittern wir geradewegs in einen Teufelskreis: Facebook-Abstinenzler begeht Amoklauf, Facebook-Abstinenzler werden verdächtig. Verdächtige werden aus der Gesellschaft ausgeschlossen. Ausgeschlossene wehren sich gegen die Gesellschaft. Und dann? Dann muss nur noch ein offener Waffenschrank in der Wohnung stehen. Klingt pauschalisierend? Steht doch aber immer so in der Zeitung!


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Kommentare

GroovyAm 8. Januar 2013

Geht alles "buchstäblich den Bach runter", oder doch eher metaphorisch? Wohin fließt dieser buchstäbliche Bach denn? Und: Gießt man Öl wirklich in "Flammen", also metaphorisch? Der junge Mann heißt übrigens James Eagan Holmes, aber dieser Fehler stört zumindest nicht beim lesen.

Marc EpplerAm 9. Januar 2013

Danke für die Hinweise, Fehler wurden verbessert. Liebe Grüße Marc

Bella Rocca Am 15. Januar 2013

Gut geschrieben! Witzig und nachdenklich! Hab mich in einigen Äußerungen wiedergefunden. Haste fein gemacht!