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Der Tatort

9. Dezember 2012
Von Marc Eppler

Marc aus Freiburg ist Redakteur bei TONIC

Texte von Marc
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Marc Eppler

Im dritten Teil seiner Kolumne "Überschätzt!" sieht Marc nicht den Tatort, erst recht nicht mit Kumpels in der Kneipe. Die Serie ist nicht Kult, sondern Reality-TV für studentische Trendster – musste mal gesagt werden.

Mitten im Leben: Ein fescher Forensiker sichert den Tatort. Und tausende Studenten sehen zu.

Mitten im Leben: Ein fescher Forensiker sichert den Tatort. Und tausende Studenten sehen zu.

Tatort Mensa. Ein erschreckender Zwischenfall hatte sich hier gestern Abend ereignet – wie jeden Sonntag. Etwa einhundert Studenten sollen sich laut Augenzeugen gemeinsam um eine Leinwand geschart haben, auf der um 20:15 Uhr eine Fernsehserie namens Tatort zu sehen war. Ähnliche Zwischenfälle wurden aus umliegenden Kneipen gemeldet, ganze Landteile scheinen betroffen.

Wer ist vor ein paar Monaten auf die Idee gekommen, die jungen Erwachsenen des Landes brauchen einen neuen Trend, eine neue Mode? Brauchen wir denn nichts anderes als das? Seit dem Tatort-Hype vergleicht man in Studentenkneipen wöchentlich die Intensität der Gänsehaut und veranstaltet Rate-Wettbewerbe – Wer dem Mörder zuerst auf die Schliche kommt, darf sich über eine Gratis-Cola und unendlichen Ruhm freuen, oder so. Was irgendwie nach einer netten Sonntag-Abend-Beschäftigung klingt, ist für mich gleichzeitig eines der größten Phänomene der Studentenwelt und ein weiterer Beweis, dass sich der Beliebtheitsgrad eines Trends oft negativ-reziprok zu seiner Berechtigung verhält. Denn bei aller Liebe zu Kultfernsehen und Städtepatriotismus – letztens Tatort in Stuttgart und alle so: yeah! – Der Tatort ist völlig überschätzt.

Ich treibe, also bin ich?

So spannend wie die gestellten (Nicht-)Real-Life-Dokus in den privaten Sendern, zu denen er doch eigentlich ein Gegengewicht darstellen sollte, bin ich jede Woche aufs Neue schockiert, welchen Anklang diese Pseudo-Krimi-Serie findet. Story? Meist durchschaubar wie Plexiglas und/oder langweilig. Schauspielleistung? Wenn auch nicht Frauentausch-Tag und Nacht-Mitten im Leben-verdächtig, ist sie doch oft nicht ernst zu nehmen. Kurz: Der Hype ist nicht nachvollziehbar.

Vielleicht ist aber genau das der springende Punkt. Vielleicht geht es gar nicht um den Tatort. Es geht, wie so oft in dieser trendgeilen Gesellschaft um das Mittreibenlassen in der Mainstream-Suppe. Ich treibe, also bin ich.

Aber was bist du? Nichts! Ich akzeptiere, dass einigen Studenten der Tatort wirklich gefällt, aber Sätze wie "Ha doch, den musch immer am Sonntag sähe, der isch Kult" akzeptiere ich definitiv nicht. Selbst Berlusconi war Kult, und jetzt? Fakt ist doch, dass alle immer auf der Suche sind, nach etwas, dem sie sich anschließen können. Was, spielt entweder keine Rolle, lässt sich schönreden ("Der Tatort ist doch super spannend und halt einfach interessant.") oder wird gar ganz dreist als neu aufkeimender Individualismus verkauft: Deswegen sind alle so "anders" – nur dummerweise alle gleich "anders". Und nein, die an dieser Stelle eigentlich obligatorische Hipster-Schelte erspar ich uns.

Ein gewisser Brian schrie einmal von seinem Balkon in Judäa "Ihr seid doch alle Individuen." "Jaa, wir sind alle Individuen", skandierte die Menge unisono. "Und ihr seid alle völlig verschieden" – "Jaaa, wir sind alle völlig verschieden." Hätten sie damals dort deutsche Sender empfangen, wären sie wohl im Anschluss alle gemeinsam Tatort schauen gegangen. Bis auf den einen, der – was fällt ihm ein! – "Ich nicht" sagte. Er hätte vermutlich eine Kolumne darüber geschrieben.


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Kommentare

TobiAm 9. Dezember 2012

Lieber Marc,

Tatort ist eine uralte Serie, die sich schon immer großer Beliebtheit erfreut, quer durch alle Bevölkerungsschichten. Und selbst wenn es in den letzten Jahren einen studentischen Hype darum gibt, wie du sagst – so what? Was gibt dir Kompetenz darüber zu urteilen, ob dieser Trend gerechtfertigt ist? Vermutlich gehst du davon aus, dass die Studenten, die sich Sonntag abends gemeinsam zum Tatort in der Kneipe treffen, die gleichen biedermeierlichen Durchschnitts-Karrieristen sind, die ihr Studium in Regelstudienzeit abschließen? Der Zweck dieses Artikel scheint nicht mehr zu sein als eine narzisstische Ode an dein pseudo-intellektuelles Anti-mainstream-Bewusstsein; fühlst du dich jetzt ein bisschen wie Ranicki? Warum lässt du mir und dem Rest der stumpfsinnigen Masse nicht den Spaß am Tatort? Ich störe mich auch nicht daran, wenn du stattdessen Sonntag abends Tolstoi liest und dabei deine subkulturelle Club Mate trinkst.

Grüße,

Tobi

Marc EpplerAm 10. Dezember 2012

Naja, Club Mate ist mir zu Mainstream! Spaß beiseite, ich urteile hier weniger, als das ich meine Meinung zum Tatort und dem damit verbundenen Hype sage. Die stimmt offensichtlich nicht mit deiner überein – so what? Dir sei dein Spaß am Sonntag Abend mit dem Tatort gegönnt, mir mit Tolstoi (ehrlich gesagt aber eher mit Flaubert). Aber trotzdem danke für deine Meinung!

Grüße, Marc

TheodorAm 2. Januar 2013

"'[T]rotzdem [sic!] danke für deine Meinung' - auch wenn sie nicht mit meinen erhabenen Ansichten übereinstimmt und mich nicht juckt" meint man da bei der Antwort des Verf., mittlerweile bei Tonic immerhin zum "Kolumnisten" degradiert, mitschwingen zu hören. Als Kolumnist kann man eben nicht auf den wild zusammengeschriebenen Sermon festgenagelt werden, den man fabriziert - im Notfall ist eben alles Meinung, eigene Beobachtung und "nur Spaß", wird spontan relativiert oder unbeholfen und ohne argumentative Untermauerung verteidigt. Viele Kneipen pflegten - oft seit Schimanski! und insbesondere für studentisches Klientel - bereits in den frühen 1980er Jahren Tatort-Traditionen, ebenso lange erzielen die Filme eine Millionenquote - wer hier ein neues Phänomen beobachtet ist schlicht vollkommen ahnungslos und/oder hat seine Hausaufgaben nicht gemacht. Gestelzte Übertreibungen á la "eines der größten Phänomene der Studentenwelt" sind nur peinlich und überzeugen selbst diejenigen nicht, die - wie offenbar auch der Verf. - das Studiwohnheim oder die Mensa nur selten verlassen. Aber: Er hat seinen eigenen Stil: Thesaurus-Brocken wie "Landteile" und hanebüchene Berlusconi- bzw. Soap-Vergleiche machen den Text noch abstruser. Auch scheint der Verfasser nicht zu wissen, was eine Fernsehserie ist (oder welchem Gerne der "Tatort" angehört), was er wissen sollte, wenn er (vermeintlich) darüber schreibt. Auch mit Bart ist M.E. eine pseudo-journalistische Knalltüte, die es hoffentlich nicht bis in die Print-Ausgabe geschafft hat. In den weiten des Netzes stört das ja kaum; es wäre aber wirklich schade ums Papier. Und wieder fragt man sich, ob das denn niemand Korrektur liest! "Pseudo-Krimi"? "Fakt ist doch" [Angeber- und Wichtigtuer-Slang]: Pseudo-Autor!

GroovyAm 4. Februar 2013

Siehe dieses Beispiel der Kommentierung Deiner Artikel, Marc; es kommt Kritik, Richtigstellung, Deine Fehler werden aufgedeckt, Seitenhiebe sind auch mit dabei, ok.

Deine Reaktion ist gleich null, Tatort ist laut Text immer noch eine Fernsehserie und Deine Texte strotzen immer noch vor groben Fehlern, sprachlichen Unzulänglichkeiten und willkürlichen Behauptungen. Was bringt da konstruktive Kritik, wenn Deine Texte immer noch so sind wie sie sind und wohl auch ganz bewusst so bleiben sollen?

FloAm 11. Februar 2013

Lieber Marc,

tja... die Menschen sind alle Opfer von Konformitätsdruck, nicht war?

Aber mal im Ernst, Tatort ist gar nicht eine so schlechte Serie,

es greift immer wieder gesellschaftliche Debatten auf, und ist eines der wenigen einigermaßen anständigen deutschen Fernsehproduktionen.

Oft hört man in letzter Zeit den Schrei danach, die Öffentlichen sollten sich mal was bei den Amis abgucken, die sollen auch mal sowas wie Homeland produzieren.

Dazu muss ich sagen, hey, wir haben doch den Tatort, eine Serie die viele gucken, teilweise mit spannenden, oder lustigen Charakteren. Eine Serie die Heimatpatrioten befriedigen kann und trotzdem so gar nicht patriotisch ist, und sie ist meistens anständig produziert.

Aber man kann definitiv besseres schauen oder lesen.

Eins ist doch klar, solange sich Studenten in Kneipen treffen, ein bisschen rum-raten und am Ende eine Prise Cola-Ruhm bekommen, hauen sie sich nicht mit den Degen unschöne Narben ins Gesicht, und werden zu richtigen Patrioten.

Tatort ist doch ein schöner Trend, hypen tun Studis eh, besser Tatort als totalen Müll!

FabianAm 12. Februar 2013

Der Tatort greift aktuelle Themen auf und bearbeitet sie in Schlaftrunkenheit.

Das Muster der Sendung ist redundant, die Geschichten flach, die zweite (private) Ebene der Charaktere wie aufgesetzt.

Es gibt zwar Schlechteres im Fernsehen, das wär für mich aber kein Grund, eine vermeintliche Qualitätssendung nicht zu kritisieren.