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Für *Einbildungsminister

Das Turbo-Studium

2. November 2012
Von Marc Eppler

Marc aus Freiburg ist Redakteur bei TONIC

Texte von Marc
autor@tonic-magazin.de

Marc Eppler

Bachelor und Master in 2 Jahren? Da wurde wohl jemandem ins Hirn gehustet, meint Marc: Wer seine persönliche Kontakte auf SMS reduziert und sein Leben auf Standby schaltet, raubt sich selbst die Freiheit. Turbostudium? Überschätzt!

Da will wohl jemand schneller zum Abschluss als Jesus zu seinem Dad.

Da will wohl jemand schneller zum Abschluss als Jesus zu seinem Dad.

Marc rief durch sein Surf-Studententum schon eine Debatte hervor, der die Reue eines ehemaligen Turbo-Studenten folgte. In Marcs neuer Kolumne Überschätzt! schließt er aus aktuellem Anlass daran an – und wendet sich in den folgenden Teilen Bananen zu.

Ich dachte, mich tritt ein Pferd. Ich durchstöberte wieder einmal Zeit Online und stolperte zwischen öden Bombenanschlägen und Bankenkrisen über eine echte Katastrophe: ein verrückter Turbostreber. "60 Prüfungen in 20 Monaten: Nur vier Semester hat Bankkaufmann Marcel Pohl für Bachelor und Master gebraucht", musste ich da lesen. Nun, dass der Herr Banker werden will, möchte ich als Brotlos-Künstler nicht weiter kommentieren, aber zwei Jahre für ein Studium, das in der Regel fünf dauert und der Durchschnittsstudent erfahrungsgemäß doch meist noch ein, zwei Semester drauflegt? Was der 22-jährige (!) eben locker als "Experiment" durchgezogen hat, macht mich sprachlos.

Ist der Kerl denn völlig durchgeknallt? Jedem das Seine hin oder her – ist ja nicht so, dass wir sowieso zunehmend im Leistungsdruck der Gesellschaft zu ertrinken drohen, nein, wie käme ich darauf. Vielleicht, weil selbst unsere Uni-Profs mit einem Kopfschütteln zugeben, dass die Ansprüche von heute mehr als nur ein wenig überhöht sind und in keiner Relation stehen zu dem, was man dafür bekommt. Studentenleben als Utopie, so sieht’s nämlich aus. Jetzt kommt da so ein Marcel und meint die Latte noch ein bisschen höher legen zu müssen. Ich werd nich' mehr. Besten Dank.

Ich muss sowieso arbeiten, bis ich 130 bin.

Ich will, dass mir jemand erklärt, was einen jungen Mann dazu bringt, sein Leben einfach mal zwei Jahre auf Standby zu schalten, um schneller die Karriereleiter emporzusteigen, als einst Christi zu seinem Dad. Warum diese Eile, was hat er vor? Hat er denn keine Angst, dass irgendwann mangelnde Lebenserfahrung die blöde Leiter umwerfen könnte, mag er noch so hoch gestiegen sein? Hat er vor allem einmal daran gedacht, was er alles verpasst? Geistige Entwicklung, Selbstfindung, Scheiße bauen mit Freunden, pi pa po?

Während solche Menschen sich die Jugend stehlen, schleppe ich mich jetzt gemütlich ins dritte Semester und komme auf die Idee, noch schnell das Nebenfach zu wechseln. Warum nicht? Das bedeutet vermutlich zwei Semester obendrauf, aber was soll’s. Wenn das so weiter geht, muss ich sowieso arbeiten bis ich 130 bin, also wozu der Stress. Vielen scheint das aber nicht bewusst zu sein.

Beim Studium noch den Kinderrabatt absahnen?

Zu denen zählt neben unserem Banker-Jesus auch ein Mädel, nennen wir sie Stefanie, das vor wenigen Wochen direkt vor mir den Saal betrat, in dem die Aufnahmeprüfung für mein potenzielles Nebenfach stattfand. Sie hatte bereits übereifrig ihren Personalausweis gezückt und mir somit das erste Lachen des Tages entlocken können, gefolgt von resignierender Sprachlosigkeit. Stefanie ist 16. Da sie wohl keinen gefälschten Ausweis hatte, um vielleicht noch Kinderrabatte bei den Studiengebühren abzusahnen, frage ich mich: Warum will eine 16-jährige Politik studieren? Und vor allem, wie ist das möglich? Gibt es inzwischen einen G5-Zug an deutschen Gymnasien?

Ich verstehe die Welt nicht mehr. Leute, lasst euch doch Zeit im Leben, ihr habt in der Regel nur eins. Konzentriert euch doch auf wirklich wichtige Dinge. Freunde zum Beispiel, kennt ihr? "Ich konnte höchstens von unterwegs eine SMS schreiben”, sagt Marcel. Ja sorry, dir hat man ja auch offensichtlich ins Gehirn gehustet. Das sollte verklagt werden, so etwas! Freiheitsberaubung seiner selbst.


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Kommentare

dr.lAm 5. November 2012

Stark marc! Applaus applaus

GroovyAm 8. Januar 2013

Ja, ganz stark! Hat hier der Autor wieder seine Jubel-Perser zur Akklamation geladen?!

Und: Nimm doch bitte Politik im Nebenfach, Marc, dann lernst Du vielleicht auch, seit wann der Ausspruch "Jedem das Seine" verbrannt ist... Ein Tipp: Seitdem sind auch die Worte "Heil" und "Führer" negativ konnotiert!

Marc EpplerAm 9. Januar 2013

Ich weiß nicht, was dich zu der Annahme bringt, hier seien Jubel-Perser geladen. Vielleicht gibt es neben deiner einfach noch andere Meinungen zum Text.

Politik-Studium hin oder her, du solltest beachten, dass dieser Ausspruch nur in dieser einen konkreten, damals gebräuchlichen Bedeutung verbrannt ist. Und davon sind wie hier ja wohl ganz weit entfernt, ich hoffe da stimmst du mir zu.

klich wichtigenAm 29. November 2012

Vielen Dank!

Der Artikel spricht mir aus der Seele und bestärkt mich in der Hoffnung, das es noch Menschen innerhalb unserer fast- faster...Gesellschaft gibt, die noch die wichtigen Dinge des Lebens zu schätzen wissen...

Breche nun mein berufsbegleitendes Ministudium ab...;-)

NaturwissenschaftlerAm 9. Dezember 2012

Hier wird unterstellt, dass junge Studenten, und solche, die ihr Studium in besonders kurzer Zeit bewältigen, falsche Prioritäten haben und in anderen Bereichen, wie etwa bei sozialen Kompetenzen, Defizite haben.

Es wäre doch möglich, dass sie sich sehr stark für das Fach, und weniger für die Karriere interessieren. Mit Freunden wenig Kontakt zu haben und stattdessen mit Kommilitonen Wissen austauschen und sich kooperativ für Prüfungen organisieren bringt zudem womöglich auch wertvolle Kompetenzen im sozialen Bereich.

Meiner Meinung nach zeigt das Beispiel der Turbo-Studenten vor allem, wie (vergleichsweise) leicht sich das aktuelle System ad absurdum führen lässt, und wie wenig das Potential von Studierenden ausgeschöpft wird, nicht im Sinne von Ausbeutung, sondern mehr von effizienter Vermittlung von Wissen. Wenn man sich in zwei Jahren einen Berg von Fakten ins Hirn prügeln kann, um einen Master zu erlangen, stellt sich die Frage was eigentlich vermittelt werden soll.

Marcel PohlAm 4. Januar 2013

Sehr geehrter Herr Eppler,

ihr Artikel über meinen beruflichen sowie privaten Werdegang hat mich zutiefst beleidigt und verletzt. Mich öffentlich als "verrückten Turbostreber" und "ins Gehirn gehusteten" zu bezeichnen ist an Arroganz und Überheblichkeit nicht zu überbieten. Auch sind Vergleiche mit dem Tod des Sohn Gottes vollkommen unangebracht und inakzeptabel, nicht nur aus religiöser und ethischer Sicht. Ich bin mitnichten der Meinung, dass Sie sich durch ihre zusammengegoogelten Bruchstücke meines Lebens ein Urteil über dieses, meine "geistige Entwicklung" oder meine Persönlichkeit erlauben können.

Das hier ist kein Journalismus, das ist bestenfalls üble Nachrede. Ich verlange von Ihnen nicht nur eine öffentliche Entschuldigung an dieser Stelle, sondern auch eine Gegendarstellung.

Marc EpplerAm 5. Januar 2013

Sehr geehter Herr Pohl,

Ich sehe ein, dass ich mit einigen Formulierungen (sehr) weit über das Ziel hinausgeschossen bin und sie damit persönlich ziemlich heftig angegriffen habe, was wirklich nicht meine Absicht war. Natürlich darf ich mir aufgrund von Berichten/Zeitungsarikeln kein Urteil über Sie erlauben. Dafür muss und möchte ich mich aufrichtig bei Ihnen entschuldigen. Ich lasse mir diese Angelegenheit definitiv eine Lehre sein.

Ich würde mich freuen, wenn Sie meine Entschuldigung annehmen.

Mit freundlichen Grüßen

Marc Eppler

GroovyAm 8. Januar 2013

"Das sollte verklagt werden, so etwas!" - da hat er mal Recht, der Eppler, allerdings verwechselt er Täter und Opfer. Üble Nachrede trifft es wohl genau. Schreib doch das nächste Mal über, hmmm, Gemüse oder sowas! "Eppler keep ya head up", ja, geh erhobenen Hauptes. Aber geh!

Marc EpplerAm 9. Januar 2013

Falls du meinen Kommentar noch nich gelesen haben solltest, dann bitte ich dich, dies noch zu tun. Ich habe mich bereits für persönliche Äußerungen entschuldigt.

Das mit dem Gemüse überlege ich mir mal, danke.