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Für *Ganz normale Leute

#4: Distanz bewahren? Pustekuchen.

18. Oktober 2012
Von Juliane Goetzke

Juliane aus Lüneburg ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Juliane
autor@tonic-magazin.de

Juliane Goetzke

Wie gefährlich ist Scientology? Wie funktioniert die Organisation und wie gewinnt sie ihre Mitglieder? Juliane wollte für TONIC den Mythos Scientology brechen, trat der Kirche bei und erlebte die Manipulation am eigenen Leib. In Teil 4 der Serie merkt sie, wie sehr dir Organisation über ihren Alltag wacht.

Scientology - nur gefährlich für labile Menschen?

Scientology - nur gefährlich für labile Menschen?

Unten kannst du zu den anderen Teilen der Serie springen.

Ich bin inzwischen zwei bis dreimal die Woche bei Scientology, sitze mit meinem Kursbuch in diesem Raum und beantworte Fragen, erzähle aus meinem Leben, reflektiere über mich und meine Umwelt und schaue dabei viel aus dem Fenster. Oft sitzt neben mir ein junger Mann, vielleicht 20 Jahre alt, ich weiß inzwischen, dass er Medizin studiert. Er wirkt wie ein ganz normaler Student, mit dem man auch mal gut Party machen kann und ich frage mich, was er hier macht.

Shiny, happy people?

Bevor ich hierher kam, habe ich mich oft gefragt, wer denn trotz aller Medienberichte so leicht zu manipulieren ist, dass er auf Scientology reinfällt. Jetzt wundere ich mich über die ganzen jungen Leute hier, die Familien und Kinder, die so normal und glücklich wirken, aber jeden Tag hier sind und wohl all ihr Geld ausgeben, um auf der Brücke der Weisheit ein bisschen nach oben zu kommen. Ich habe vorab einen hohen Stapel Erfahrungsberichte gelesen, um Bescheid zu wissen. Und ich habe mein Experiment mit dem festen Vorsatz begonnen, sogar der Gewissheit, mich nicht belabern zu lassen. Ich habe mir einen anderen Namen zugelegt, eine neue Lebensgeschichte und ein zweites Handy, deren Nummer nur Scientology hat. Ich bin vorsichtig, schalte mein richtiges Handy immer aus, bevor ich das Scientology-Gebäude betrete. Ich schreibe jeden Tag auf, was ich erlebt habe, unterhalte mich mit meinem Mitbewohner darüber und versuche mit aller Kraft, die Distanz zu wahren.

Pustekuchen. Sie sind gut, zu gut. Seitdem ich hier bin, habe ich angefangen, viel in Frage zu stellen, mich vereinnahmen zu lassen, von ihrer Gedankenwelt und ihren Werten. Bei allen Techniken, die sie bei mir angewendet haben, sind sie subtil vorgegangen, haben sich viel Zeit für mich genommen, haben lange zugehört und noch länger geredet, dabei freundlich geschaut und mich nicht aus den Augen gelassen.

Anrufe von Scientology gehören zum Alltag. Für meine Recherche habe ich mein altes Handy wieder hervorgekramt und mir eine zweite SIM-Karte zugelegt. Vor jedem Besuch habe ich dann das Handy in meiner Hosentasche gewechselt. Ich wurde oft angerufen, jedes Mal kurz vor meinen Besuchen, damit ich auch wirklich komme. Auch, wenn ein paar Tage dazwischen lagen, denn ich sei ihnen sehr wichtig, sie wollen wissen, ob es mir gut geht. Als ich irgendwann nicht mehr gekommen bin, gab es wochenlang Anrufe auf meiner Mailbox - von verständnisvoll bis bedrohlich war alles dabei.

Anrufe von Scientology gehören zum Alltag. Für meine Recherche habe ich mein altes Handy wieder hervorgekramt und mir eine zweite SIM-Karte zugelegt. Vor jedem Besuch habe ich dann das Handy in meiner Hosentasche gewechselt. Ich wurde oft angerufen, jedes Mal kurz vor meinen Besuchen, damit ich auch wirklich komme. Auch, wenn ein paar Tage dazwischen lagen, denn ich sei ihnen sehr wichtig, sie wollen wissen, ob es mir gut geht. Als ich irgendwann nicht mehr gekommen bin, gab es wochenlang Anrufe auf meiner Mailbox - von verständnisvoll bis bedrohlich war alles dabei.

Im Kursraum steht eine Tafel, auf der die Erfolge der einzelnen Leute vermerkt sind. Man bekommt einen Magnet mit seinem Namen und bewegt sich immer weiter nach oben. Wer einen Kurs abgeschlossen hat, erhält viel Lob von allen Seiten. Wenn ich beim Mittagessen in der Kantine, dich sich im Dachgeschoss befindet, meinen Nudelsalat esse, sind da immer ganz viele freundliche Menschen, die mich loben, dass ich so fleißig bin, und auf Kurs sei, betonen, wie wichtig das sei. Scientology habe ihr Leben verändert, sie seien jetzt glücklich, ich könne so froh sein, dass ich mir jetzt mit Scientology auch diese Chance eröffne. Wenn ich mit meinem Sitznachbarn darüber geredet habe, dass ich in meiner Hausarbeit für die Uni grade gar nicht weiter käme, hat man mir am nächsten Tag jemand vorgeschlagen, doch einen Kurs zur Verbesserung meiner Leistungsfähigkeit zu belegen. Habe ich jemandem erzählt, dass ich am Wochenende nach Hause fahren werde, hat mir der Rezeptionist beim Verlassen des Gebäudes eine gute Heimfahrt gewünscht. Ich war, wie so oft, beeindruckt von der Informationsweitergabe zwischen den Leuten, mit denen ich in der Org zu tun hatte. Nicht einmal habe ich mich ohne Begleitung im Gebäude bewegt.

"Ganz gleich, welchen Schwierigkeiten Sie im Leben gegenüberstehen – Scientology bietet Lösungen." – Scientology.de

Seitdem ich zum ersten Mal das Scientologygebäude betreten habe, wurde ich auf Schwachstellen abgetastet. Ich habe mich so oft gefragt, wie all diese normalen, gesunden Menschen hierher kommen. Dass man als unausgeglichene, unglückliche Person willens ist, viel Geld für leere Versprechungen zu bezahlen, finde ich einleuchtend. Warum ein durchschnittlicher, erfolgreicher Medizinstudent das Gleiche tut, war mir unverständlich. Aber jeder Mensch hat Schwachstellen, ein Problem, so klein es auch sein mag. Und sie finden oder erfinden dieses Problem und machen es zu deinem Leben, bis du nur noch daran denken kannst. Danach versprechen sie, dieses Problem zu lösen. Kostenpunkt: ziemlich viel.

Weitere Teile der Serie:

#1 Stechend, konzentriert, direkt in die Augen

#2 "Es geht hier um deine Probleme"

#3 Scientology bringt mich "auf Kurs"

#5 Verhör, Beichte, Therapie

#6 Der Gottesdienst


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