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#3: Scientology bringt mich „auf Kurs“

18. Oktober 2012
Von Juliane Goetzke

Juliane aus Lüneburg ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Juliane
[email protected]

Juliane Goetzke

Wie gefährlich ist Scientology? Wie funktioniert die Organisation und wie gewinnt sie ihre Mitglieder? Juliane wollte für TONIC den Mythos Scientology brechen, trat der Kirche bei und erlebte die Manipulation am eigenen Leib. In Teil 3 der Serie kommt sie "auf Kurs". Beklemmend.

Ich habe Angst, zu gehen oder eine Frage nicht zu beantworten.

Ich habe Angst, zu gehen oder eine Frage nicht zu beantworten.

Unten siehst du die anderen Teile der Serie.

Rita bringt mich in den dritten Stock, das Gebäude ist größer, als ich dachte. Wir gehen vorbei an dem Büro von L. Ron Hubbard. Die Tür steht offen, ein Seil mit goldener Verzierung hängt davor. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass jede Gemeinde, Org wird sie genannt, einen Raum in ihrem Gebäude dem Scientology-Gründer zu Ehren gestaltet. Es stehen viele Bücher und schwere, teure Möbel darin. Im Treppenhaus hängt eine lange Liste, mehr als hundert Namen sind darin eingetragen. Ich frage, was es bedeute, Rita erklärt, ihre Org bekäme nächste Woche Besuch von der Scientology-World-Tour. Die Liste sei die Anmeldung für ein kostenloses Seminar, das deswegen am Samstag stattfinde. Ich solle doch auch kommen, alle freuten sich sehr auf diesen Tag, das wäre ein Erlebnis. Ich sage "Vielleicht". Jeder Gang hat etwa acht Zimmer, viele Türen sind geschlossen, doch in einigen Räumen sehe ich Leute sitzen, die sich leise unterhalten. Rita klopft an einem Zimmer, auf dessen Tür ein goldenes Schild mit der Aufschrift "Kursraum" genagelt ist. Wir treten ein, ich trage mein Kursbuch wie ein Schutzschild vor mir, erwarte Massen an Menschen und böse Blicke.

Der Raum ist klein, vielleicht 15 Quadratmeter. Es sitzen zwei Männer darin, über ihren Heften gebeugt, einen Stift in der Hand. Eine junge Frau, um die 20, spricht leise auf den Älteren der Beiden ein. Sie schaut kurz hoch und nickt, kein Lächeln, Konzentration. Ich solle mich hier hinsetzen, ein eigener Tisch, hier ein Stift. Im Buch sei erklärt, was ich tun soll. Hier ein Duden, falls ich ein Wort nicht verstehe, "Verstehen" sei wichtig. Bei Unklarheiten solle ich sie fragen. Ich müsse immer alles verstehen, was in diesem Buch steht. "Nur dann bist du erfolgreich."

An der Wand hängen gerahmte Auszeichnungen, Kursüberwacherzertifikat für Nadine, wir gratulieren herzlich. Ich lese in meinem Kursbuch. Schwafeleinleitungstexte, im gleichen Stil wie Ritas Reden. Böse Welt, armer Mensch, L. Ron Hubbard wird mir helfen, glücklich zu werden, Erfolg zu haben, mich zu befreien. Ich bin jetzt also "auf Kurs".

"Sagen oder veröffentlichen Sie niemals etwas, was Sie nicht beweisen oder dokumentieren können. Dokumentieren Sie immer die Wahrheit, um Lügen entgegen zu treten." – L.Ron Hubbard im HCO-Policybrief vom 27. Oktober74, gefunden in "Scientology: Ich klage an!" von Renate Hartwig

Das Kursbuch ist aufgebaut wie ein Aufgabenheft in der fünften Klasse. Das bunte Cover ist in braun und gold gehalten, auf etwa 100 Seiten stehen Erklärungstexte und Arbeitsanweisungen. "Schreiben Sie auf dieser Seite, was Sie an Ihrer Umgebung nicht mögen. Führen Sie hier auf, wann Sie sich Ihren Mitmenschen gegenüber ausgeliefert fühlen." Die Fragen sind geschickt gestellt, manipulativ darauf ausgerichtet sich klein und bedürftig zu fühlen, dazu einen Hass gegen die Familie und Freunde zu schüren. Wenn man eine Aufgabe erledigt hat, muss man sie auf den Tisch des Kursüberwachers legen. Der Text wird kontrolliert und kommentiert. Wenn er nicht richtig ist, wenn man etwas also nicht verstanden hat, dann muss man ihn nochmal schreiben. Manchmal gibt es auch motivierende Kommentare à la "Wir schaffen das!" am Rand des Aufsatzes, in dem es darum geht, zu beschreiben, wie man mit Scientology seine Beziehung zu seinen Mitmenschen effektiver gestalten möchte.

Ich rutsche unruhig auf dem Stuhl hin und her, starre aus dem Fenster, werde die ganze Zeit beobachtet und habe Angst, dass meine Tarnung auffliegt. Essen und Trinken ist in diesem Raum verboten, damit man nicht abgelenkt wird. Nach drei Stunden darf ich gehen, ich lege mein Kursbuch auf den Stapel mit all den anderen Kursbüchern, mitnehmen darf ich es nicht. Soll aber sagen, wann ich wieder kommen werde. Ja, morgen.

Ich freue mich auf Zuhause, darauf, nicht die ganze Zeit aufpassen zu müssen, nicht zu lange irgendwo hin zu schauen und auf meinen falschen Namen zu hören. Die freundliche Atmosphäre, die ich am ersten Tag noch im Foyer gespürt habe, ist verschwunden. Ich finde den kleinen Raum in dritten Stock beklemmend, vor allem, weil ich nicht weiß, was passieren würde, wenn ich einfach vor Ende der Kurszeit gehen möchte oder eine der Fragen, die gestellt werden, nicht beantworte.

Zu den weiteren Teilen springen:

#1 Stechend, konzentriert, direkt in die Augen

#2 "Es geht hier um deine Probleme"

#4 Distanz bewahren? Pustekuchen.

#5 Verhör, Beichte, Therapie

#6 Der Gottesdienst


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