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Für *Maultaschen

#2: „Es geht hier um deine Probleme“

18. Oktober 2012
Von Juliane Goetzke

Juliane aus Lüneburg ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Juliane
[email protected]

Juliane Goetzke

Wie gefährlich ist Scientology? Wie funktioniert die Organisation und wie gewinnt sie ihre Mitglieder? Juliane wollte für TONIC den Mythos Scientology brechen, trat der Kirche bei und erlebte die Manipulation am eigenen Leib. In Teil 2 der Serie bekommt sie nach einer Seelenschau einen Vertrag...

"Aktiv" sein, da liegt mein Defizit.

"Aktiv" sein, da liegt mein Defizit.

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Es ist Dienstag, in meinem Kalender steht "Scientology 14 Uhr". Um 13 Uhr ruft Rita an, sehr energisch, wie es mir denn ginge, gut, ja, das sei ja toll, sie freue sich auf später und erwarte mich. Ich melde mich am Empfang, ein kurzer Anruf des Rezeptionisten – es ist der Gleiche wie bei meinem ersten Besuch und ich frage mich, ob er in seinem Leben noch etwas Anderes macht – und Rita kommt strahlend aus einer Tür.

Meine Testauswertung, die sei nicht dramatisch, aber man müsse auf jeden Fall etwas tun. Wir setzen uns etwas abseits, sie erinnert mich plötzlich an eine Psychologin, zieht die Wörter in die Länge und starrt mir dabei fest in die Augen.

Ihr Zeigefinger fährt die Kurve auf meinem Testergebnisbogen nach. Hier, sie tippt auf die Blume, die sich um die Charaktereigenschaft ,aktiv' kringelt, hier, läge mein größtes Problem. Ich sei nicht aktiv genug, ich brächte Dinge nicht zu Ende. Da habe sie doch recht, nicht wahr? Der Graph zeige außerdem deutlich, dass es mir an Selbstbewusstsein mangelt.

Der Test ist einer der klassischen Einstiege bei Scientology. Man bekommt auf der Straße einen "selbstverständlich kostenlosen Test" angeboten, der sogenannte Oxford Capacity Analysis Test, den auch ich absolviert habe. Durch ihn werden die "Schwächen" der Person offen gelegt. Im anschließenden Gespräch wird versprochen, den Menschen von diesen vermeintlichen Defiziten zu befreien.

Der Test ist einer der klassischen Einstiege bei Scientology. Man bekommt auf der Straße einen "selbstverständlich kostenlosen Test" angeboten, der sogenannte Oxford Capacity Analysis Test, den auch ich absolviert habe. Durch ihn werden die "Schwächen" der Person offen gelegt. Im anschließenden Gespräch wird versprochen, den Menschen von diesen vermeintlichen Defiziten zu befreien.

Ich müsse lernen, das zu erreichen, was ich will, zu kommunizieren und meinen Mitmenschen klar zu machen, was sie tun sollen. Das Wort "Befehl" fällt nicht, würde als Ausdruck aber treffen. Ich mime naiv, nicke und möchte alles darüber erfahren. Sie empfiehlt mir einen Selbstbewusstseinskurs, das sei wirklich sehr wichtig für mich, daran müsse ich arbeiten. Kostenpunkt: 45 Euro. Danach sollte ich auf jeden Fall an meiner Kommunikation arbeiten. Meine Ergebnisse seien zwar sehr gut, aber trotzdem. Ich hätte ja sicher schon sehr oft bemerkt, dass die Menschen nicht das tun, was ich von ihnen möchte.

"Da Scientology jetzt TOTALE Freiheit bringt, muss sie auch die Macht und die Autorität haben, totale Disziplin zu fordern." – Hubbard Communications Office Policy Letter vom 5. Januar 1968, gefunden bei ingo-heinemann.de

Wir reden zwei Stunden lang. Eigentlich ist es Rita, die redet, und zwar über mich, meine Familie und meine Freunde und mein kaputtes Leben. Wie sehr sie mich alle unterdrücken, und dass ich mir das nicht gefallen lassen muss. Ich sei unsicher und meiner Umgebung gegenüber zu kritisch. Im Laufe des Gesprächs deckt sie noch weitere charakterliche Mängel auf, an denen ich dringend arbeiten müsse. Nach zwei Stunden steht fest: Ich bin faul, bringe nichts zu Ende, halte nicht viel von mir und meinen Mitmenschen, kann mich nicht durchsetzen und habe keine Freunde. Mein Leben ist offensichtlich total kaputt. Aber hier, bei Scientology, können sie mir helfen. Rita legt mit ihre Hand auf dem Arm und ihr Mund lächelt, während ihr Augen mich fixieren. Sie haben hier Seminare und Kurse, mit denen ich mein Leben wieder in den Griff bekommen könne. Irgendwie ging das ganz schön schnell, von den Maultaschen hin zu einem Leben, dass ich "in den Griff" bekommen muss.

Ich gebe Rita das Geld für meinen ersten Kurs in bar, einen 50-Euroschein, sie verschwindet kurz und kommt mit dieser Spendenquittung und einem Fünf-Euroschein zurück. Das erste Dokument, das mir freiwillig ausgehändigt wird. Ich habe also gerade an Scientology gespendet. Halleluja.

Ich gebe Rita das Geld für meinen ersten Kurs in bar, einen 50-Euroschein, sie verschwindet kurz und kommt mit dieser Spendenquittung und einem Fünf-Euroschein zurück. Das erste Dokument, das mir freiwillig ausgehändigt wird. Ich habe also gerade an Scientology gespendet. Halleluja.

Wie es denn finanziell bei mir aussehe, ich könne diesen Monat auch das Kommunikationsseminar machen. Es ginge über drei Tage, gleich nächstes Wochenende. Es sei notwendig, so schnell wie möglich weiter zu kommen. Kostenpunkt: 90 Euro. Gleich zwei diesen Monat werde ich wohl nicht schaffen, ich gebe mir Mühe, traurig zu schauen, sie mitleidig und verständnisvoll. Ob ich denn dann heute gleich anfangen könne? Es gebe jeden Tag drei Kurszeiten, hier sei mein Stundenplan, ich soll eintragen, wann ich kommen kann. Sie würde dann mal den Vertrag holen, zahlen müsse ich auch gleich, lächelt und stöckelt davon. Von einem Vertrag war bisher nicht die Rede.

Ob ich eine Kopie des Vertrags mitnehmen kann? Kommt gar nicht gut an, meine Frage.

Beim Lesen des Vertrages, der ja eigentlich "Antrag auf Teilnahme" heißt, wird mir ganz schlecht. Das ist der erste Moment in meiner Recherche, der mich zweifeln lässt. Reite ich mich mit dieser Unterschrift nicht gewaltig in die Scheiße? Wenigstens mitnehmen will ich ihn, eine Kopie, um herauszufinden, was ich nun darf und was ich besser lassen sollte. Ich bitte Rita also, eine Kopie mitnehmen zu dürfen. Ich erkläre, das mache ich immer so, um nachlesen zu können, was ich unterschreibe, meine Mama habe mir das so beigebracht. Kommt aber gar nicht gut an, diese Frage. Meine Begründung auch nicht. Ich bleibe trotzdem hartnäckig, mehrmaliges, beiläufiges Nachfragen, aber keine Chance. Rita lächelt nicht mehr, die Augen dafür um so fester auf mich gerichtet. Das ist mir doch zu heikel, ich will ja noch mehr Leute hier kennenlernen, die Räume sehen, den Sonntagsdienst besuchen. Ich kehre also schnell wieder zu nett und naiv zurück.

Ich unterschreibe und ein extrem mulmiges Gefühl macht sich breit in mir. Jetzt stecke ich hier drin und ich weiß nicht einmal, in was genau. Als Rita noch mal kurz mein Kursbuch holen geht, möchte ich gerne den Vertrag abfotografieren. Ich erinnere mich aber noch rechtzeitig an die Überwachungskamera über mir und die vielen Bildschirme, auf die der Rezeptionist den ganzen Tag starrt.

Zwei Tage später kam jemand auf mich zu, ein Blatt Papier in der Hand. Hier der Vertrag, unausgefüllt. Den wollte ich doch unbedingt haben, habe Rita gesagt. Ich weiß nicht so ganz, was ich jetzt davon halten soll, bin aber froh, dass ich das Dokument in meine Tasche stecken kann. Wenn du draufklickst, siehst du den ganzen Kontrakt als PDF.

Zwei Tage später kam jemand auf mich zu, ein Blatt Papier in der Hand. Hier der Vertrag, unausgefüllt. Den wollte ich doch unbedingt haben, habe Rita gesagt. Ich weiß nicht so ganz, was ich jetzt davon halten soll, bin aber froh, dass ich das Dokument in meine Tasche stecken kann. Wenn du draufklickst, siehst du den ganzen Kontrakt als PDF.

Ich soll gleich meinen Namen in ein Buch schreiben und in einer halben Stunde im Kursraum sein. Ich meine, dass ich eigentlich gerne gehen würde, mich mit einer Freundin treffen – Rita lächelt, ich könne natürlich gehen, wann ich will. Aber es wäre sehr wichtig für mich, heute schon anzufangen. Je schneller ich "auf Kurs komme", desto besser für mich. Sie wolle mir ja nur helfen, mein Leben wieder in den Griff zu bekommen. Ich dürfe das nicht unterschätzen. "Es geht hier schließlich um dich und deine Probleme." Ihr Lächeln ist steif, ihre Stimme bedrohlich.

Ich nicke, gebe meinen Stundenplan ab und folge ihr.

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#1 Stechend, konzentriert, direkt in die Augen

#3 Scientology bringt mich "auf Kurs"

#4 Distanz bewahren? Pustekuchen.

#5 Verhör, Beichte, Therapie

#6 Der Gottesdienst


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