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Für *Camper

Protest auf Toiletten des Systems

16. Juli 2012
Von Jan Oppel

Jan aus Lüneburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jan
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Seit neun Monaten demonstriert Aktivist Stephan mit seinen Mitstreitern im Occupy-Camp in der Hamburger Innenstadt für eine bessere Welt. Die Gruppe zog zwei Mal um und trotzte einem Orkan – Vor der HSH Nordbank hat sie sich mittlerweile eingelebt.

Occupy Camps weltweit

Occupy Hamburg am Gerhart-Hauptmann-Platz: Gegen alles, was schlecht und ungerecht ist?  Bild: Jan Oppel

Occupy Hamburg am Gerhart-Hauptmann-Platz: Gegen alles, was schlecht und ungerecht ist? Bild: Jan Oppel

"Willst du'n Tee?", fragt Stephan und schlägt die graue Plane des Infopoints, einer Art Bürocontainer aus zusammengenagelten Europaletten, zurück. Im Inneren erscheinen ein altes Sofa, ein Schreibtisch und Bücherregale. Links unter der Decke surrt ein Sicherungskasten. Der junge Mann, barfuß in Jogginghose und blauem T-Shirt deutet auf das Sofa: "Setz dich". Er verschwindet, kommt sofort mit zwei Bechern Früchtetee zurück und lässt sich ebenfalls auf das alte Sofa fallen.

Stephan (27), ausgebildeter Tabakkaufmann und mittlerweile Soziologiestudent der Uni Hamburg, ist Mitbegründer des Hamburger Occupy-Camps. Für sein Engagement nimmt er gerade sein zweites Urlaubssemester.

Im letzten Oktober wollte Stephan eigentlich nur einen weltweiten Aktionstag lang gegen die Zügellosigkeit der Finanzmärkte demonstrieren – wie circa 1000 andere Menschen in Hamburg. Im Anschluss an die Demo waren er und einige andere Demonstranten vor die HSH Nordbank in der Hamburger Innenstadt gezogen. Sie wollten dort ihren Protest fortführen und übernachten. Stephan fuhr gegen 21 Uhr nach Hause, packte Zelt und Schlafsack ein und verbrachte die Nacht im Freien. "Wir haben Glück gehabt, dass es in dieser Nacht nicht geregnet hat, sonst wäre alles vielleicht ganz anders gekommen", sagt er und lacht. Am nächsten Morgen fuhr Stephan etwas durchgefroren wieder heim. Am Abend kam er zurück in die Innenstadt, um sein Zelt abzubauen. "Ich dachte da steht nur noch meins", sagt er. "Stattdessen waren aber acht neue Zelte dazu gekommen". Das war vor neun Monaten.

"Wir schalten uns dazwischen"

Bis heute ist das Camp stetig gewachsen. Die Protestler haben den Infopoint, eine Küche und ein Gemeinschaftszelt errichtet. Zwischen den bunten Zelten hängen Wäsche, Infotafeln, Spruchbänder. Wegen des Weihnachtsmarkts musste das Camp zwei Mal umziehen. "Wir wollten den einfachen Kaufleuten nicht im Weg stehen", sagt Stephan. Am Ausweichort zerstörte ein Orkan fast das komplette Camp. "Das war der bisherige Tiefpunkt des Protests", sagt Stephan und runzelt die Stirn."Den Schock mussten wir erst mal verarbeiten". Geld hat die Gruppe für den Wiederaufbau nicht ausgegeben. Stattdessen setzen die Aktivisten auf Kommunikation. "Wir schalten uns dazwischen", sagt Stephan, holt Tabak aus der Hosenasche und beginnt sich eine Zigarette zu drehen. Von einem Hamburger Planenhersteller bekommt die Gruppe Reste und Abschnitte, die sonst kostenpflichtig entsorgt werden müssten. Bauholz gewinnen sie aus alten Europaletten. "Wir haben bei verschiedenen Firmen angerufen und sind bei Baustellen vorbei gefahren", sagt Stephan. So war das Material schnell zusammengesammelt und das Camp wieder aufgebaut.

"Jeder investiert das an Zeit und Kraft, was er geben kann"

Mit ihren Protesten will die Occupybewegung die Welt verändern. "Viele empören sich nur am Stammtisch", sagt Stephan. "Dann hat man alles gesagt, aber nichts gemacht". Gegen was sich Occupy Hamburg empört, hat die Gruppe in einer Art Manifest zum Mitnehmen festgehalten. Von Finanzmärkten und Banken über Ausbeutung durch Lohnarbeit bis zu den Geschäftspraxen der Pharmaindustrie. "Für unseren Protest gilt: Kein Alk, keine Drogen, keine Hierarchien – und absolut friedlich", sagt Stephan. Den Vorwurf mit dieser Art des Protests zu wenig zu stören lässt Stephan nicht gelten. So hat beispielsweise ein Teil der Gruppe im Frühjahr den Apple Store um die Ecke besetzt. Die Aktivisten wollten so auf die Ausbeutung von Arbeitern bei der Herstellung der Geräte in der Dritten Welt hinweisen. "Wer sich so ein neues Handy kauft hat Blut an den Händen", sagt Stephan.

"Mikrokosmos der kompletten gesellschaftlichen Bereiche"

Eine Stammbelegschaft im Camp gibt es nicht. "Wirklich fest wohnen tut hier keiner, jeder hat sein Privatleben", sagt Stephan, zündet sich die fertige Zigarette an und lehnt sich zurück. "Aber statt ins Cafe oder in den Park zu gehen, schaut man eben hier vorbei", sagt er. "Jeder investiert das an Zeit und Kraft, was er geben kann". In der Regel übernachten fünf bis sechs Bewohner im Camp, das Stephan als einen "Mikrokosmos der kompletten gesellschaftlichen Bereiche" beschreibt. Und in der Tat, die Menschen hier haben verschiedene Hintergründe. Studenten, Frührentner, Arbeitslose, eine Ärztin. Einen Aufgaben- oder Putzplan wie in einer WG gibt es nicht. "Wenn was fehlt, füllt man es halt auf", sagt Stephan. Um sich mit Lebensmitteln einzudecken, gehen die Campbewohner zur Tafel. Strom kommt vom Thaliatheater, Wasser aus dem Coffeeshop um die Ecke. Die Kommunikation mit den umliegenden Cafes, Geschäften und Banken hat sich für die Gruppe ausgezahlt. Zur Toilette gehen dürfen die Aktivisten sogar in der HSH Nordbank. "Schön die Systemtoiletten dichtscheißen" sagt Stephan und lacht.

"Bis wir gewonnen haben!"

Der Protest richtet sich gegen Profit um jeden Preis. Banken repräsentieren für Stephan diese Haltung am deutlichsten. "Da kommunizieren Computer fast eigenständig über Programme, ohne dass Menschen einen Einfluss haben und dabei Millionen umgeschichtet werden", sagt er. "Das sind Situationen, die nichts mehr mit der Realität zu tun haben und das geht nicht". Banken sind für Stephan aber nur die Spitze des Eisbergs im allgemeinen Verwertungsschema. "Du musst froh sein, wenn du einen Job hast und dir dabei sehr viel gefallen lassen", sagt er. Die Zukunft und das Ziel der Occupy-Proteste sieht Stephan realistisch: "Man sollte sich einer freieren Welt annähern, sofern das möglich ist", sagt er.

Dann erscheint ein grauhaariger Mann in blauem Jackett und Bügelfaltenhose vor dem Infopoint. "Wie lange wollen sie noch durchhalten?", ruft er. "Bis wir gewonnen haben!", sagt Stephan. Der Passant schmunzelt: "Ich demonstriere schon seit 1968, also über 40 Jahre, wenn sie auch 40 Jahre durchhalten, können wir den Kapitalismus besiegen, aber ich bin dann schon tot!""Ob ich das schaffe weiß ich noch nicht, aber weg kriegt man uns nicht mehr aus der Stadt", sagt Stephan.

Campen gegen Profit - wie lange noch?

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