TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Toastbroteckenausstreicher

Ein Like macht noch keine Revolution

10. März 2012
Von Marc Eppler

Marc aus Freiburg ist Redakteur bei TONIC

Texte von Marc
autor@tonic-magazin.de

Marc Eppler

63 Millionen Klicks in nur fünf Tagen – ein ominöser KONY zieht durch das Netz, ergreift uns und fragt einmal mehr, ob wir virtuell die Welt zu einer besseren machen können, ob unser Like dem Kindersoldaten in Uganda hilft oder nicht.

Kony soll was auf die Mütze bekommen.

Kony soll was auf die Mütze bekommen.

Mundpropaganda war gestern. In Zeiten, in denen eine dreiviertel Milliarde Menschen durch soziale Netze kommunizieren, als säßen sie alle zusammen an einem Tisch, verbreiten sich Nachrichten schneller als jemals zuvor in der Menschheits-Geschichte: Ein globales Dorf, in dem wir den Begriff Kettenreaktion neu definieren müssen. Ein Dorf, wie es Marshall McLuhan vorhersagte, als es das Internet noch nicht einmal gab. Mit unkontrollierbarer Geschwindigkeit fegt derzeit ein Video durch das Netz wie ein Wirbelsturm: KONY 2012. Allein auf Youtube wurde das 30-minütige "Manifest", wie es sich selbst beschreibt, über 63 Millionen Mal angeklickt. In nur fünf Tagen. Womit haben wir es hier zu tun? Wer oder was ist KONY? Und vor allem, warum scheint sich plötzlich der gesamte virtuelle Globus politisch zu engagieren, während noch vor vier Tagen abgestumpfte 9gag.com-Witze das Non Plus Ultra waren?

Dieses Jahr soll KONY gefasst werden

Die ersten beiden Fragen lassen sich schnell beantworten. KONY 2012 ist eine Kampagne der Invisible Children Inc., einer 2004 ins Leben gerufenen NGO, die sich unter dem Motto "Do more than just watch!" dem Kampf gegen Ugandas Rebellen, der LRA, verschrieben hat. Im Focus steht dabei der Sturz Joseph Rao Konys, Anführer der LRA und der Liste der meistgesuchten Verbrecher des Internationalem Gerichtshof in Den Haag. Seit nunmehr zwei Jahrzehnten terrorisiert Kony die Ugandische Bevölkerung und hinterlässt eine erschreckende Statistik: über 30 000 entführte und versklavte Kinder.

Die Kampagne an sich, so transportiert es der Kurzfilm, basiert mehr auf einem persönlichen Anliegen des Sprechers und Mitgründer von Invisible Children, Jason Russell. Doch sie hat Erfolg. Nach einem schwierigen Start konnte 2009 die US-Regierung überzeugt werden, dass es um mehr geht als um eine herkömmliche Unterschriftenaktion. Der Druck der Menge bewirkte, dass US-Soldaten das fortan das ugandische Militär unterstützten. 2012, so das erklärte Ziel, soll Kony endgültig gefasst werden. Doch dazu muss der öffentliche Druck gesteigert werden – eine Maschinerie, die mit diesem Video in Gang gebracht wurde und in einem Event am 20. April, "Cover the Night" ihren Höhepunkt erreichen soll:

"This Year we are making Joseph Kony famous. Because when he is, the world will unite for justice."

Hitler, Bin Laden, Kony - Über die historische Relation lässt sich streiten, doch die Botschaft des KONY 2012-Posters ist klar: Kony ist ein böser Mann.

Hitler, Bin Laden, Kony - Über die historische Relation lässt sich streiten, doch die Botschaft des KONY 2012-Posters ist klar: Kony ist ein böser Mann.

So weit die Hintergründe und Fakten. Erschreckende Fakten, in dieser Welt leider keine Einzelfälle und vor allem meist leider unbeachtet, unbekannt. Umso erfreulicher, dass sich diese Kampagne über Hürden wie Bürokratie oder mangelndes Interesse hinwegzusetzen scheint und Millionen von Menschen in ihren Bann zieht. Doch wie macht sie das? Wie schafft es Jason Russell innerhalb von dreißig Minuten eine potenzielle Friedensarmee auf die Beine zu stellen, von denen einige vielleicht noch nie von Uganda gehört haben, geschweige denn von einem Psychopathen, der dort eine grausame Guerilla führt? Nach dem Video scheint es, wir sind nur noch Maschinen, nüchtern, unempfänglich für Probleme der echten Welt – bis man uns mit einer ordentlichen Prise Emotion wieder in Gang setzt.

Inmitten des Films schauen wir in die Äuglein des putzigen Sohns von Jason Russell.

Inmitten des Films schauen wir in die Äuglein des putzigen Sohns von Jason Russell.

Ich kritisiere diese Kampagne nicht, im Gegenteil, sie beeindruckt mich, sie macht Hoffnung, zeigt, dass jeder etwas bewegen kann. Wenn ich etwas kritisiere oder, besser, mich über etwas wundere, dann darüber, wie unterschiedlich Probleme behandelt werden, wie unterschiedlich empfänglich wir für sie sind. Stellt euch statt dieser Emotionsbombe in HD einen zweiseitigen Artikel in jeder größeren Tageszeitung vor. Würde gelesen, und genau so schnell wieder vergessen. Stellt euch vor, Jason Russell hätte diesen Film ohne seinen Sohn – zweifellos ein wirklich süßer, kleiner Junge, mit unschuldigen Augen – gedreht, der mit erschrockenem Blick den Ausführungen seines Vaters folgt und schließlich entschlossen auf das Foto des Bösewichtes zeigt: "We have to stop him." Es ist nicht verwerflich, sich dieses Hilfsmittels zu bedienen. Es ist nur traurig, dass dies die einzige Möglichkeit zu sein scheint, Menschen von etwas zu überzeugen, sie zu mobilisieren. Warum ich davon ausgehe? Die Bewegungen 15. Mai, Echte Demokratie jetzt, Occupy Wall St. und We are the 99 % sind Bewegungen und Kampagnen, die uns alle betreffen. Von Invisible Children, in ihrem Bestehen nicht minder wichtig, sind nüchtern betrachtet nur die wenigsten betroffen. Trotzdem gibt es über zwei Millionen Likes, und es werden sekündlich mehr.

Wo ist die Grenze zwischen wirklichem politischen Interesse und emotional oder gesellschaftlich bedingtem Mitläufertum? Wie viele dieser zwei Millionen "liken" diese Kampagne, wenn auch unterbewusst, nur wegen diesem emotionalen und mitreißenden Video? Und bedeutet dieses "Liken", dass sie sich auch wirklich dafür einsetzen wollen? Und dies letztendlich auch tun? Oder ist dies nicht mehr als eine Geste, eine Demonstration eines vermeintlichen politischen Engagements? Ich möchte es nicht hoffen. Es wäre das falsche Zeichen. Die letzen Monate haben gezeigt, dass sich die Welt im Umsturz befindet, dass vor allem junge Menschen den Mut fassen, sich zu empören – Stéphane Hessel sei Dank. Veränderungen sind möglich, doch dazu bedarf es mehr als nur eines Klicks mit der Maus und Sympathien für Kinderaugen. Revolutionen mag man im Netz planen können, aber kämpfen muss man auf der Straße.

Die Belohnung für so viel Text – das Video selbst:


Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

FabianAm 13. März 2012

Noch ein kritischer Artikel zu KONY:

http://www.vice.com/de/read/news-die-wahre-geschichte-von-joseph-kony-uganda-coney-2012/