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Für *Wannabes

Wundertüte des Banalen

11. Februar 2012
Von Victoria Schlusche

Victoria aus Lörrach ist Autorin bei TONIC

Texte von Victoria
autor@tonic-magazin.de

Victoria Schlusche

Keine stringente Handlung, viele Leute, wenige wichtig, aber alle auf Facebook – Thomas Meineckes Poproman "Lookalikes" ist wie das heutige Leben. Und gerade deshalb schwer in Worte zu fassen.

Wenn man in eine Buchhandlung geht und nach einem als solchen betitelten »Roman« greift, dann weiß man in der Regel, was man bekommt. Das dicke Buch mit der schlichten Abbildung zweier rosa Handtaschen auf dem Cover sieht auf den ersten Blick ziemlich normal aus, rosa, mädchenhaft. Doch sobald man es aufschlägt und durch die ersten Seiten blättert, wird es schwierig. Keine Einführung der Protagonisten. Keine rosa Kitschpoesie. Kein gar nichts. Zwangsläufig taucht bald die grundlegende Frage auf: Ist das wirklich ein Roman? Was IST das überhaupt, ein Roman? Geht es um Hauptfiguren, Sprache, Handlung?

Was Letztere angeht, so ist der Liebhaber gut gebauter Dramaturgiewunder mit diesem Buch falsch bedient. Anstatt einer nervenaufreibenden, packenden Geschichte mit windigen Charakteren schreibt Thomas Meinecke über blasse Gestalten der Düsseldorfer Schickeria – die alle Doppelgänger berühmter Persönlichkeiten sind. Justin Timberlake, Shakira und Konsorten geben sich auf der Königsallee die Klinke in die Hand, doch es sind nicht die Originale, sondern Menschen, die ihnen ähnlich sehen und durch diesen Zufall bei Agenturen als "Lookalikes" ihr Geld verdienen.

Nichts ist wichtig, doch alles wird gepostet.

Worin besteht die Star-Kopie als Job? Womit bekommt man den Tag herum, was macht man, wohin hat man zu gehen? Die Antwort ist ebenso einfach wie einleuchtend: Man lebt so, wie es alle anderen auch tun. Auf Seite 13 lassen sich Marlon Brando und Elvis Presley Crêpes mit Haselnusscreme bestreichen. Auf Seite 349 lauschen Justin (Timberlake) und Josephine (Baker) angetan irgendwelcher Musik. Hundert Seiten später hat Britney Spears einen Link auf Greta Garbos Pinnwand geteilt. Nichts ist wirklich wichtig, doch alles wird gepostet. Die Figuren des Romans sind das Ergebnis der gesehenen Filme und imitierten Gesten, die sie im Laufe der Zeit angesammelt haben, ob in Netzwerken oder der Wirklichkeit. Und das kommt dem, was heute unser Leben ist, schon verdammt nahe: Banale Youtube-Videos, Zeitschriftenschnipsel und Facebook-Statusnachrichten, von allem viel. Aber kaum Gravierendes: Das wahre Leben bietet wenig Handlung.

Pop-Theoretiker und Autor Thomas Meinecke

Pop-Theoretiker und Autor Thomas Meinecke

Meinecke verurteilt das nicht. Er scheint im Gegenteil begeistert vom Fragmentarischen, vom Zusammenwürfeln verschiedener Geschichten und (Text-)Fundstücken, die überall im Buch verstreut sind. Und das ist auch der Stil, der die Lektüre für den Leser ein wenig anstrengend macht: Lookalikes ist vielmehr als literarischer Sampler denn als "Roman" anzusehen, als wildes Gemisch von Geschichten, Notizen und Geschehnissen. Der Schreiber ist derjenige, der alles zusammenfügt und mischt, der schaut, was zueinander passt, und welche (unwichtigen?) Details man noch einfügen könnte, damit es besser klingt. Viel Englisches ist dabei, viel Musik, Songtexte. Gewiss wird auch aus diesem Grund im Klappentext auf die Tätigkeit des Autors als DJ "in urbanen Clubs" hingewiesen – eine Art Beweis, dass Meinecke sich in der beschriebenen "Szene" auskennt.

Natürlich geht Lookalikes weit über die Düsseldorfer Königsallee hinaus. Bis nach Südamerika und ins Höchstreligiöse dreht sich der ewige Kreis der Verflechtungen, Motive wie Hubert Fichte, französische Filme, Pelze, Gender und Psychoanalytiker wie Jacques Lacan kommen immer wieder darin vor. Doch Hintergrundinfos, Tiefgrund? – Fehlanzeige. In einem Interview mit der ZEIT hat Thomas Meinecke einmal vom "Ballast der eigenen Biografie" gesprochen. Diesen Ballast hat er den Figuren seines Romans genommen; ihre Echtheit besteht aus dem, was sie konsumieren und wahrnehmen.

Während Meinecke die Grenzen des Gewohnten beim Lesen auf anstrengende Weise sprengt, erfährt man viel mehr über Identität unter Oberflächen, als man vermutet hätte. Und genau darin liegt die Stärke und Faszination dieses Rom... – dieser experimentellen Wundertüte.


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