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Für *Wahrsager

ACTA. Und dann?

16. Februar 2012
Von Alexander Wolff

Alexander aus Lüneburg ist Autor bei TONIC

Texte von Alexander
autor@tonic-magazin.de

Alexander Wolff

Wir schreiben den 1. Juni 2014. Vor einem Jahr trat das ACTA-Abkommen in Kraft, das seither geistiges Eigentum überall auf der Welt vor Missbrauch im Internet schützt. TONIC blickt zurück auf ein Jahr voller tiefgreifender Veränderungen.

30. April 2013: Nach langen Diskussionen und zahlreichen Protesten unterzeichnet auch Deutschland das ACTA-Abkommen. Tschechien, die Slowakei, Lettland und Slowenien jedoch verweigern die Ratifizierung endgültig.

2. Mai 2013: Bundeskanzlerin Angela Merkel und Innenminister Hans-Peter Friedrich geben in einer Pressekonferenz die mit dem ACTA-Abkommen verbundenen Maßnahmen bekannt. Unter anderem droht bei dreimaliger Urheberrechtsverletzung eine lebenslange Netzsperre. Die Internetprovider werden verpflichtet, ihre Kundendaten preiszugeben und das Surfverhalten aufzuzeichnen. Die Daten werden einer neuen Staatsbehörde für Sonderfragen des Internets, kurz STASI, zur Verfügung gestellt.

1. Juni 2013: Das deutsche ACTA-Gesetz tritt in Kraft, begleitet von deutschlandweiten Demonstrationen. Ab sofort wird bei jeglichen Urheberrechtsverletzungen zunächst eine Mahnung durch die STASI ausgesprochen, beim dritten Verstoß wird der Internetzugang lebenslang gesperrt.

7. Juni 2013: Ersten Internetnutzern wird der Netzzugang lebenslang gesperrt. Bis zum Ende des Jahres werden mehrere Millionen Netzsperren ausgesprochen.

8. September 2013: Bei der Bundestagswahl erzielt die Piratenpartei 21,3 Prozent der Stimmen, obwohl die meisten ihrer Mitglieder mittlerweile keinen Internetzugang mehr haben und wegen angeblich vorsätzlicher Urheberrechtsverstöße ein Parteiverbotsverfahren gegen die Piraten läuft. Aufgrund der Netzsperren in Deutschland operiert die Parteiführung bereits seit August von Prag aus. Die CDU unter Angela Merkel kann zusammen mit der FDP weiterregieren.

Offline-Recherche bei Axel Springer

2. Oktober 2013: Nachdem auf der Webseite der BILD Bilder von Guido Westerwelle bei einem fröhlichen Trinkgelage aufgetaucht waren, die die Redaktion offenbar von einem der letzten verbliebenen Promiblogger geklaut hatte, wird dem Axel Springer Verlag der Internetzugang gesperrt. Alle Webangebote des Konzerns sind fortan nicht mehr erreichbar. Die Printausgaben der BILD und anderer Springer-Blätter erscheinen seither nur unregelmäßig, da kaum ein Redakteur noch der Offline-Recherche mächtig ist. Dis Ausgaben sind deutlich dünner und bildarm, dafür ist die Schrift noch größer als zuvor. Die Webangebote anderer Verlage verzichten fortan vorsichtshalber überwiegend auf Bilder und Videos sowie auf Zitate.

1. Dezember 2013: Das Verbot der Piratenpartei tritt in Kraft. Auch die letzten bislang in Deutschland verbliebenen hohen Parteimitglieder emigrieren nach Prag und bilden dort eine Exilregierung.

Der Bundesverband der Musikindustrie verkündet in seiner Jahresbilanz, dass die CD- und Downloadverkäufe seit Inkrafttreten des ACTA-Abkommens um das zehnfache gestiegen seien. Auch die Charts werden durcheinandergewirbelt. Da nun auch diejenigen Musik kaufen müssen, die sie zuvor durch illegale Downloads bezogen haben, landen vermehrt Elektro- und vormalige Indie-Acts an der Spitze. Die Hipster-Gemeinde wendet sich daher vermehrt Schlager und Volksmusik zu.

Piraten gründen eine Exilregierung

7. Januar 2014: Auch die Chefredaktion der Bildzeitung emigriert nach Prag und gibt fortan eine Exilausgabe heraus. Fortan unterstützt man intensiv die Piraten-Exilregierung. Die tschechische Regierung berichtet derweil von zunehmenden Immigrationswellen aus den anderen EU-Staaten sowie verstärktem Internettourismus.

Februar 2014: Die "Initiative freies WLAN" errichtet mit finanzieller Unterstützung des Axel Springer Verlags an der tschechisch-deutschen Grenze den weltweit größten WLAN-Router. Der gut 300 Meter hohe Sendeturm ermöglicht freien WLAN-Empfang bis nach Berlin, Rostock und Leipzig.

7. März 2014: Verzweifelte Star-Trek Fans erklimmen mit ihren Laptops den Hamburger Fernsehturm. Die Trekkies geben der Polizei später zu Protokoll, sie hätten dort vergeblich versucht, freies WLAN aus Tschechien zu empfangen und den neuesten Star-Trek-Film herunterzuladen. Am Vortag war ein neuer Teil der Star Trek Filmreihe in den Kinos gestartet. Seit Inkrafttreten des ACTA-Abkommens hatte es einen Kino-Boom gegeben, die Eintrittspreise waren Anfang 2014 auf Opern-Niveau gestiegen. Nur Besserverdienende können sich nun noch einen Kinobesuch leisten.

April 2014: Wirtschaftsverbände beklagen den zunehmenden Mangel von jungen, gut ausgebildeten Fachkräften, die zunehmend in die Nicht-ACTA-Metropolen Prag, Ljubljana, Bratislava und Riga ziehen. Die Mieten in einstmaligen In-Vierteln, wie dem Hamburger Schanzenviertel oder Prenzlauer Berg in Berlin fallen ins bodenlose.

In der Politik wird immer mehr der Ruf nach wirkungsvollen Maßnahmen zur Eindämmung der Auswanderung laut.

Die Internetwirtschaft ist in Deutschland praktisch nicht mehr existent. Die Firmen fielen entweder den Internetsperren zum Opfer oder verlegten ihre Firmensitze nach Tschechien, Slowenien, Lettland und in die Slowakei.

Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!

4. Mai 2014: Nachdem zunehmend Gerüchte aufkommen, die Bundesregierung wolle die Grenze zu Tschechien baulich abriegeln, um der Internet-Republikflucht Herr zu werden, verkündet Bundeskanzlerin Angela Merkel auf einer Pressekonferenz: "Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten!" Einen Tag später beginnen die Bauarbeiten.

Auch andere EU-Staaten riegeln ihre Grenzen zu den Nicht-ACTA-Ländern ab. Unterdessen boomt vor allem in Tschechien und Slowenien die Wirtschaft, dank der vielen gut ausgebildeten Zuwanderer.

In Deutschland bleiben die Resozialisierungsmaßnahmen von ehemaligen Internet-Nerds weitestgehend erfolglos. Nach wie vor ziehen tausende von ihnen mit dem Laptop in der Hand verstört und ziellos durch deutsche Innenstädte.

6. Mai 2014: Die "Initiative freies WLAN" errichtet einen weiteren Mega-Router mit noch größerer Reichweite an der tschechisch-deutschen Grenze. Der Empfang deckt nun fast ganz Deutschland und Teile der angrenzenden Staaten ab. Einzig die Einwohner des nördlichen Schleswig-Holsteins müssen weiter auf ACTA-freies Internet verzichten. Das Gebiet wird fortan im Volksmund auch "Tal der Ahnungslosen 2.0" genannt.

Ein Jahr ACTA, wir ziehen Bilanz: Die EU-Staaten, die das ACTA-Abkommen ratifizierten, erleben eine nie dagewesene Wirtschaftsrezession. Nicht-ACTA-Staaten wie Tschechien boomen. Seit Inkrafttreten des deutschen ACTA-Gesetzes wurden fast alle inländischen Internetzugänge wegen Uhrheberrechtsverletzungen gesperrt. Immer mehr junge Menschen ergreifen die Flucht vor der Staatsbehörde für Sonderfragen des Internets. Fernsehen und Kino erleben ein ungeahntes Revival. Ein Jahr ACTA: ein Jahr, das die Welt veränderte.


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Kommentare

Marc EpplerAm 16. Februar 2012

...Artikel des Jahres.

oscarwilde666Am 16. Februar 2012

Die Hipster-Gemeinde wendet sich daher vermehrt Schlager und Volksmusik zu hahaha

MPAm 17. Februar 2012

Sehr gut

KelchmitdemElchAm 19. Februar 2012

Verbeuge mich vor dem Autor! TOP!!