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Für *Schauspieler

„Wer will anfangen?“

8. Januar 2012
Von Fabian Stark

Der Beruf des Schauspielers ist einer der anstrengendsten und begehrtesten: An der Berliner Schule Ernst Busch bestehen maximal 25 von 1300 Bewerbern die Zugangsprüfung. Unser Autor Fabian hat es trotzdem versucht.

Eine Probe für Vitja in Fabians Zimmer

Eine Probe für Vitja in Fabians Zimmer

"Wenn ich euren Namen aufrufe, meldet euch bitte mit einem lauten, deutlichen Ja und kommt mit uns mit!" Mein Name fällt, ich sage laut und deutlich Ja, stehe auf und folge zwei Schauspiel-Professoren – samt neun anderen jungen Leuten, alle Bewerber des Studiengangs Schauspiel an der Berliner Schule Ernst Busch.

Wir betreten eine Probebühne und geben unsere DIN A5- Bewerbungszettel ab. Auf ihnen stehen Ausbildung, Alter, künstlerische Erfahrung, darunter stehen die gewählten Texte zum Vorsprechen, auf meinem:

1. Rolle: Rasumowskaja – Liebe Jelena Sergejewna – Vitja

2. Rolle: Wolfgang Borchert – Draußen vor der Tür – Beckmann

Lied: Adam Green – We’re not supposed to be lovers

Gedicht: Karl Valentin – Taucherlied

Die erste Rolle kenne ich, weil ich den betrunkenen Schüler Vitja vor drei Jahren selbst im Theater gespielt habe. Borcherts Draußen vor der Tür ist Pflichtlektüre – in der fünften Szene kommt Beckmann nach dem großen Krieg heim und findet das Haus seiner Eltern mit neuen Bewohnern vor. Geprobt habe ich das in meinem WG-Zimmer: Meine Tür war Beckmanns Haustür, meine Dielen die Straßen von Nachkriegs-Hamburg, meine Nachbarn meine Zuschauer, die durch die dünnen Wände einen Monat lang jeden Schrei und jeden Patzer mithören durften – beschwert hat sich keiner.

"Danke!" – Aber niemand klatscht.

"Ihr spielt eure Rollen vor den anderen Bewerbern und vor uns, die Reihenfolge bestimmt ihr," sagt der Professor mit dem rötlichen, schwammigen Gesicht unter der runden Brille, blonde Haare hängen ihm zur Schulter, die eine schwarze Lederjacke bedeckt. Er lächelt: "Jetzt könnt ihr euch erst mal umziehen."

Kostüme sollten wir selbst mitbringen. Die meisten bleiben im Raum, stumm, die Mädchen ziehen Kleider an, die Jungen Hemd. Ich streife mir den Pulli ab, trinke einen Schluck Wasser und warte mit den anderen – bin ich nervös? Es kribbelt etwas im oberen Bauch, aber ich atme tief und mein Herz tanzt keinen Breakdance wie früher beim Theater. Das habe ich nicht erwartet.

"So, wer will anfangen?" Kein Drucksen wie in der Schule, das Mädchen in der ersten Reihe meldet sich. Sie besucht bislang eine private Schauspielschule in Köln. Sie sagt an, was sie spielt, ich vergesse es schnell, bin mit dem Kopf woanders, doch sie spielt gut. "Danke!" sagt der runde Professor. Aber niemand klatscht – auch bei den anderen nicht. So bleibt es in den Wechseln still. Ich melde mich als Siebter: "Ich will. Fabian Stark." Ich stelle mich nach vorne, die Scheinwerfer sind grell und provozieren meine Schweißporen. Die großen Augen der Zuschauer ermuntern mich, ich flenne "Ich kann nicht mehr so, Leute. Diese Familiendramen halt ich nicht aus!", spüle mir Wasser aus einer Wodkaflasche durch die Kehle, spanne meinen Bauch und meine Arme an, bis sie schlottern, und rede von meinem Vater. Es ist schnell vorbei, ich entspanne mich: "Okay, das war’s", sage ich. "Danke", sagt der Professor.

Warten auf das Ergebnis
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Der Autor über den Artikel

"Und was machst du, wenn du genommen wirst?", fragten mich vorm Vorsprechen viele Freunde. Das Glück ist selten, sollte ich es deshalb wahrnehmen? Würde ich damit nicht denen den ersehnten Platz wegnehmen, die teils Jahre für ihren Traumberuf Schauspieler kämpfen? Ich atmete auf, dass ich diese Entscheidung erstmal nicht treffen musste - aber vielleicht in ein paar Jahren, wer weiß das schon.

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