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Für *Aberglaubensbrüder

Eilige Erleuchtung

9. Januar 2012
Von Helena Schmidt

Säuerlicher Geruch, sonorer Gesang und verblichene Kunst: Besuch in einem tibetischen Tempel.

Helena betritt die Türschwelle des Tempels nicht: Das könnte das Böse in ihr erwecken.

Helena betritt die Türschwelle des Tempels nicht: Das könnte das Böse in ihr erwecken.

Aus dem Tempel weht ein Duft nach ranziger Butter. Bedächtig steige ich mit einem großen Schritt über die hölzerne Stufe. Setzt man einen Fuß auf die Türschwelle, könnte das Böse in einem erwachen, lehrt der Buddhismus. Die Mönche sitzen in sich gekehrt auf dicken Polstern am Boden. Ihr sonorer Sprechgesang hallt von den Wänden wider, vervielfältigt sich bis ins Endlose in dem kleinen Raum. Die Töne tragen einen davon und verleihen zugleich dem Szenario, das wie eine Theaterkulisse wirkt, einen Hauch Realität.

Mein Blick fällt auf die Buddha Statue, die im Kerzenlicht schimmert. Eine Hand wie zum Gruß erhoben, schaut sie stumm auf die Irdischen herab. Ihre Haut ist rissig, die Farbe blättert ab. Der Prunk längst vergangener Tage lässt sich noch erahnen, verbirgt sich in Form von bezaubernden Wandgemälden unter schwarzen Rußschichten. Detailreiche, religiöse Darstellungen mit Pinselstrichen haarfein an die Tempelmauern gezaubert. Die einst wunderschönen Stickereien hängen nun starr vor Dreck von der Decke.

Buddha-Statuen, Wandgemälde und Stickereien schmücken den Tempel.

Buddha-Statuen, Wandgemälde und Stickereien schmücken den Tempel.

Die Stoffe und Gemäuer haben jahrzehntelang den säuerlichen Geruch der brennenden Opferlampen, die mit Yakbutter befüllt werden, aufgesogen. Mir bleibt die Luft weg, als ich näher an die unzähligen Kerzenlichter herantrete, um im Halbdunkel ein Foto des Dalai Lamas zu betrachten. Im Uhrzeigersinn, wie es der Buddhismus vorschreibt, umrunde ich die in der Mitte platzierte Buddha Statue und bestaune dabei die aus Tsampa, tibetischem Gerstenbrei, geformten Opferfigürchen, die einen kleinen Vorsprung säumen. Die bunten Tücher, die Fülle an Bildern, Gaben und Plastikblumen. Die Farbvielfalt ist prächtig. Der Tempel ist das Produkt einer hingebungsvollen Liebe zum Detail. Kein Vergleich zu unseren hohen, leeren, weißen Kirchen.

Eilige Gläubige, ruhige Mönche

Verträumt wende ich den Kopf und bekomme unerwartet einen Stoß in den Rücken. Ein Schwarm Pilger fegt an mir vorbei, drängt mich zur Seite. Ein Greis auf einen Stock gestützt, eilt voran von einer Statue zur nächsten. Trotz der Gehhilfe und seines stolzen Alters hat er ein flottes Tempo drauf. Mütter mit in Tüchern auf den Rücken gebundenen Kindern, werfen im Vorbeigehen ein Bündel Scheine in Buddhas Schoß. Das Geld landet auf einem bereits vorhandenen Haufen loser Banknoten. Ihre Lippen streifen flüchtig kahl geküsste Heiligtümer. Die Hände berühren fahrig die Kostbarkeiten. Ein Gläubiger macht zeremonielle Niederwerfungen: Er legt sich der Länge nach auf den Boden, rappelt sich wieder auf, um sich dann so weit dem Heiligtum zu nähern, wie sein Körper gereicht hat. Dies wiederholt er solange, bis er sein Ziel erreicht hat.

Den ganzen religiösen Bekundungen wohnt eine solche Hast inne, dass ich unwillkürlich die Luft anhalte. Ich hatte die Tibeter immer für sehr tiefgläubige, besonnene Menschen gehalten, die ihren Seelenfrieden gefunden haben. Dieses fluchtartige Pilgern wirkt wie ein Abarbeiten lästiger Pflichten und nicht wie grenzenlose Hingabe.

Die Klosterbewohner dagegen sind die Ruhe selbst. Die Mönche stimmen das "Om mani padme hum" an, ein Mantra, dessen tausendfaches Aufsagen gutes Karma bringen soll. In ihren Reihen hockt ein kleiner Junge, keine 5 Jahre alt, verborgen in dem weinroten Gewand. Beim Atmen bilden sich weiße Wölkchen und die Kuttenträger wärmen sich die Hände an Tassen mit dampfendem Buttertee.

Das fluchtartige Pilgern wirkt wie eine Abarbeitung lästiger Pflichten.

Das fluchtartige Pilgern wirkt wie eine Abarbeitung lästiger Pflichten.


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