TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Musikfanatiker

Drake – Take Care

30. November 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Nach "Thank Me Later" macht sich Drake mit seinem zweiten Werk "Take Care" erneut daran, Hip-Hop mit R'n'B unter dem Label des Alternativen zu fusionieren.

"I am constantly inspired by women". Lassen wir dieses Zitat von Aubey Drake Graham alias Drake einfach mal so stehen Dann die Einsicht: Schon wieder so ein schleimiger R'n'B-Muckel mit einem konsequenten Rührseligkeitskonzept. Stimmt... bedingt.

Erst mal bedient Mister Graham problemlos die Konzepte "TV -Teenie Star", "Pop – Teenie Star" und "emotionaler Frauenanbeter": Er fängt mit zarten fünfzehn Jahren an, die Hauptrolle in einer kanadischen Soap zu spielen, die auf den science-fictionesken Namen "Degrassi: The Next Generation" hört, avanciert wie sein Fernseh-Ego Jimmy Brooks zum Musiker und sagt von sich, dass er keine Angst habe, seinen persönlichen Lernprozess mit der Welt zu teilen. Letzterer besteht übrigens größtenteils aus der Auseinandersetzung mit dem weiblichen Geschlecht.

Dass Drake aber gerade nicht das vollständige Produkt aus obigen Klischees ist, beweisen schon seine bisherige Musikgeschichte, die gegensätzlicher kaum sein könnte. Erst nimmt der werte Herr ein Mixtape mit den Alternative-Künstlern Lykke Li, Peter Bjorn and John und einer gewissen Santogold auf, um dann einen U.S.-Hip-Hoper mit dicker Hose als musikalischen Mentor zu wählen. Der gute heißt Lil Wayne, hat bereits mit zwölf Jahren das erste Mal eine Pistole abgefeuert und im letzten Jahr acht Monate Einzelhaft hinter sich gebracht.

Die zumindest bedingt individuelle Fahrweise macht sich jedenfalls bezahlt und Graham hat schon mit seinem ersten Album "Thank Me Later" (2010) einige Preise –darunter den Juno-Award für das "Rap-recording of the Year"- und eine Zusammenarbeit mit niemand geringerem als Kanye West in die weiten Hosentaschen stecken können.

"Take Care" ist nun Album Nummer zwei und die Erwartungen der populären Musikpresse, die seinen Mix aus Rap und R'n'B als höchst individuell und ihn selbst als "Rap-Wunderkind" preist, nicht gering.

Kollaborationstechnisch erfüllen sich die Erwartungen zweifellos. Rihanna fügt sich im dezent rhythmischen "Take Crare" überraschend geschmeidig in den soften Sound Drakes ein und selbst Lil Wayne klingt zeigt sich schelmisch lachend von seiner braven Seite. Musikalisch sieht es verhältnismäßig glatt aus. Wie es schon Post-Dubstep Sternchen James Blake eindrucksvoll vorgeführt hat, greift auch Graham ohne Scham in die Autotune-Effektkiste, wobei das Ergebnis extreme Geschmackssache ist. Die auffällig Stimme des fünfundzwanzigjährigen ist schon ohne technische Frickeleien auffällig soft und sanft und über den positiven Effekt der Verdoppelung dieses Charakteristikums lässt sich streiten.

Grahams Themen sind alles andere als unbekannt: Frauen, Karriere, Beziehungen, Herzschmerz. Dabei wird er aber nicht müde, seine Andersartigkeit zu betonen. Einerseits sei er hellhäutiger Jude, komme aus dem eher für seine Alternative-Künstler bekannten Kanada. Auf der anderen Seite rappe er und habe mit Jay-Z, 50 Cent und eben Lil Wayne größtenteils ein Rapper-Umfeld und passe daher weder ins klassische Hip-Hop- noch in das gängige R'n'B-Schema, meint Graham.

Auch "Take Care" zweigt diese Rollenausbrüche. Während auf einschlägigen Hip-Hop Scheiben wohl kaum Jazzelemente zu finden sein dürften, wird auf "Take Care" mit Vocalspielereien und Drumeinsatz gejammt, es gibt nackte Sprechpassagen ohne jegliche musikalische Untermalung oder augenzwinkernden Rap-Vocals ("Hyfr (Hell Ya Fucking Right").

Leider beschränkt sich die Experimentierfreude auf nur wenige Tracks, als dass sie Teil des Gesamthöreindrucks werden könnte und der "Ich bin anders" -Slogan, den Drake sich so gern auf die Fahne schreibt, verliert weitestgehend seine Berechtigung. Dominieren tun stattdessen die glatten Fassade aus lyrischen und musikalischen Kitsch-Passagen, die minimalistische Instrumentierung mit Drumcomputer und langsamen Grooves; die selbst bei einem puren Rap-Track wie "Headlines" oft einen Tick zu langsamen Rhythmen sind nicht selten ermüdend.

Ein wenig mehr Beschleunigung hätte dem ein oder anderen Track, in dem oft nur wie in der Phonetik-Stunde Vokale zu "Ooooohhhhhh"s und "Ahhhhh"s langgezogen werden, gut getan. "Take Care" – der beste Beweis dafür, wie schnell man sich doch mit dem "einzigartig" Label schmücken kann und vor allem eins: extreme Geschmackssache.

 

Interpret: Drake

Albumtitel: Take Care

Erscheinungsdatum: 15. November 2011

Label: Cash Money Records/Universal


Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.