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Für *Flaneure

Berliner Schnauze und Großstadthexen

23. November 2011
Von Karoline Menge

Karoline aus Berlin ist Autorin bei TONIC

Texte von Karoline
autor@tonic-magazin.de

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Autorin und Wahlberlinerin Annett Gröschner

Autorin und Wahlberlinerin Annett Gröschner

Für deinen Roman Walpurgistag hast du dir Erzählungen von Berlinern und Berlinerinnen zuschicken lassen. Wie sind diese Geschichten in deine Arbeit eingeflossen?

Ich wollte unbedingt einen Roman über Berlin schreiben und merkte schnell, dass ich als einzelne Person zu klein bin, zu wenig erlebe. Ich hatte immer nur einen Blick auf die Stadt und wollte einen, den verschiedene Protagonisten tragen. Also musste ich mir Gefährten suchen, die mir von ihrem Tag erzählten. Es war wichtig, dass alles innerhalb des S-Bahn-Rings spielt. Ich wollte mich beschränken, einmal in der Zeit und einmal im Ort. Dadurch fielen natürlich auch Sachen von vornherein weg, etwa aus Marzahn. Letztendlich sind nur ganz wenige dieser Geschichten in den Roman eingegangen.

Wie hast du die Figuren für deine Geschichten gefunden?

Manchmal ist es schwer, nachzuvollziehen, wann etwas angefangen hat. In Hamburg bin ich zum Beispiel mit einem Schiff gefahren und da war ein Obdachloser, der genauso aussah wie Alex in Walpurgistag.

Ist also alles eher Zufall?

Ja, vieles ist Zufall, auch wie sich die Figuren entwickeln. Oftmals war es einfach so, dass ich beim Schreiben gemerkt habe, die müssen jetzt aneinander stoßen; Dann haben sie sich wieder voneinander entfernt oder eben nicht.

Wieso hast du das Thema Walpurgistag, beziehungsweise Walpurgisnacht, als Rahmen gewählt?

Ich wollte einen Tag haben, der nicht im Hochsommer und nicht im Winter ist. Und der darauf folgende Tag sollte frei sein, damit die Leute am Abend noch draußen sind. Zuerst hatte ich mir den 14. September 2001 ausgewählt. Dann kam das Attentat in New York am 11., so war der 14. ein Untag, da passierte nichts in Berlin, die Stadt erstarrte völlig. Dann habe ich den 30. April gewählt. Im Nachhinein hat sich dieser Tag als viel wirksamer und besser herausgestellt, weil er aufgeladen ist, durch die Nacht zum 1. Mai. Das gab mir die Möglichkeit, die Dramaturgie auf die Nacht hinzuarbeiten, in der sich schließlich alle Protagonisten treffen.

Bei dir verschmelzen oft Fiktion und Journalismus. Woher kommt diese Arbeitsweise?

Ich habe immer sehr viel recherchiert. Bei einem Roman darf ich aber auch surreal sein und muss mich nicht an die Fakten halten. Die Verbindung von diesem Überhöhten, auch Ironischen mit dem sehr genau Recherchierten, das macht mir riesigen Spaß.

Die Arbeit an Walpurgistag dauerte fast zehn Jahre. Wie hast du dein Interesse an diesem Projekt so lange am Leben gehalten?

Es gab nie den Punkt, wo ich gesagt habe, ich mache das nicht mehr. Ich musste mir eher sagen, okay, du musst Schluss machen, das geht nicht dein ganzes Leben so. Ich hätte den Roman nicht in zwei Jahren schreiben können – die Sache musste wachsen, die Figuren sich entwickeln.

Gab es wirklich keine Momente, in denen du gezweifelt hast?

Es gab viele Tiefpunkte und auch viele verzweifelte Situationen, in denen ich dachte, ich werde nie fertig. Aber es gab nie einen Punkt, an dem ich dachte, das ist jetzt gescheitert und ich lege das weg. Das war nie die Frage.

Du hast sehr viele Berlin-Geschichten geschrieben. Gibt es noch ein Berlin, über dass es sich erzählen lässt?

Ich glaube, ja. Ich bin mit Leib und Seele Berlinerin, auch wenn ich mich manchmal extrem ärgere oder die Stadt sich verändert, schneller und teurer wird. Aber das Land ist für mich auch keine Option, nichtmal für ein Wochenendhaus. Wie lange kann man sich das Leben mitten in Berlin noch leisten, soll man vielleicht einfach nach Marzahn ziehen und über Marzahn schreiben? Darüber gibt es ja nicht viel Literatur. Ich habe auf jeden Fall noch zwei, drei Themen, über die ich schreiben will. Und wenn es nur der letzte Prenzlauer Berg-Roman ist, und dann ziehe ich weg.

Walpurgistag von Annett Gröschner ist bei der Deutschen Verlags-Anstalt erschienen.


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