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Für *Flaneure

Berliner Schnauze und Großstadthexen

23. November 2011
Von Karoline Menge

Karoline aus Berlin ist Autorin bei TONIC

Texte von Karoline
autor@tonic-magazin.de

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Annett Gröschner schuf mit ihrem Roman "Walpurgistag" eine Berliner Welt zwischen zwei Buchdeckeln. Rotzig, gefährlich und vor allem groß. Man sieht: Schluckt einen Berlin einmal, spuckt die Stadt einen nicht so einfach wieder aus.

Berlin, Stadt ohne Flaneure

Berlin, Stadt ohne Flaneure

Es war der 30. April 2002. Die Autorin Annett Gröschner hatte in Radio und Zeitung zur Teilnahme aufgerufen, und zahlreiche Städter und Städterinnen schickten ihre persönlichen Geschichten vom Walpurgistag – Nun finden sich die Bürger zwischen den zwei Buchdeckeln eines gleichnamigen Romans wieder. In 78 kleinen Einblicken in das Leben von Stadtstreichern, Pizzafahrerinnen und Sperrkassierern verwebt Annett Gröschner die Zuschriften zu einer zauberhaften Erzählung. Dabei erlebt der Leser Berlin aus all seinen Winkeln, auf seinen Straßen und Plätzen, vor allem aber mit den zahlreichen Blicken seiner Bürger. Es sind Figuren, die man am Alexanderplatz trifft oder in einem Plattenbau-Flur. Vielleicht kennen wir einige ihrer Geschichten. Manche kommen uns sogar vertraut vor.

Hier liest Annett Gröschner aus Walpurgistag vor.

Annett, du behandelst in nahezu all deinen Texten Berlin und seine Bewohner. Wie erlebst du diese Stadt?

Das interessante an Berlin ist, dass es so viele Berlin gibt. Jeder hat seine Ecke, wo er sich aufhält und da kommen viele nicht raus. Sodass man auch sagen kann, dass Berlin an manchen Stellen ein Dorf ist. Ich glaube, dass jemand, der Taxi fährt oder der Gasableser ist, einen anderen Blick auf die Stadt hat als jemand, der am Schreibtisch sitzt und Romane über das Mittelalter schreibt.

Und wie gehst du durch die Stadt?

Bei mir hat das natürlich auch eine Geschichte. Ich habe meinen Lebensmittelpunkt seit 1983 in Prenzlauer Berg, aber dort ist es mir viel zu eng geworden, später fremd. In den 90ern war mir alles zu sehr "Szene", das reichte mir nicht mehr aus, ich musste die ganze Stadt sehen. Zusammen mit Arwed Messmer hatte ich in den Berliner Seiten der FAZ eine Serie, wo wir immer von Endstelle zu Endstelle mit Bus und Straßenbahn gefahren sind. Da kam ich in Gegenden, wo ich wahrscheinlich in meinem Leben nicht hingekommen wäre. Durch diese Arbeit habe ich erstmal gemerkt, dass diese Stadt so viele Facetten hat, dass ich nicht für ganz Berlin sprechen kann, dass jeder nur seine eigene Geschichte erzählt.

Du hast in deinem Buch Parzelle Paradies geschrieben, dass es sich in Berlin nur in öffentlichen Verkehrsmitteln "flanieren" ließe. Wie kann man sich das vorstellen?

In meinem Studium habe ich schon früh Benjamin und Hessel gelesen und mich gefragt: Wie haben die das geschafft, in Berlin zu flanieren? Das geht gar nicht. Das hat sich bisweilen vielleicht geändert, aber in Ostberlin gab es unendlich große, leere Flächen, wo es dem Flaneur todlangweilig war. Ich habe mich eher dafür interessiert, was unter diesen grasüberwachsenen Flächen ist. Oft stellte sich heraus, da standen Häuser, die eine Geschichte hatten – aber die waren eben einfach nicht mehr da. Und dann war Berlin diese seltsame Halbstadt: Ich lebte in Ostberlin, und hatte diesen Stadtplan, wo ganz Westberlin aus weißen Flecken bestand. Irgendwann habe ich es geschafft einen Stadtplan von Gesamtberlin zu kriegen, und ich sah, wo die Straßen weiter gehen.

Dieses eigentliche "Flanieren" in Berlin war gar nicht möglich. Das habe ich nochmal gemerkt, als ich nach der Wende nach Paris gegangen bin. Hessel und Benjamin hatten ihre Reflexionen über Flaneure zum Großteil in Paris praktisch erprobt, das war nur dort wirklich möglich.

Du bist Wahlberlinerin. Wieso hat es dich in diese Stadt gezogen?

Ich wusste, dass es die einzige Stadt ist, wo ich mich frei fühlen kann. Auch, um meinen Zwängen zu entfliehen: Zum Einen der Zwang der Provinz, zum Andern die politische Geschichte. In der Provinz geriet man viel schneller in den Fokus der Staatssicherheit. Man fühlte sich in Berlin einfach freier und hatte den Eindruck, dass es so unendlich groß und unübersichtlich war, da finden die einen nicht. Stimmte alles nicht, trotzdem hat man sich freier gefühlt. Man hatte auch viel mehr Gleichgesinnte als auf dem Dorf, wo man lange suchen musste, ehe man die Leute gefunden hatte, die das Gleiche dachten, wie man selbst.

Dein Roman Walpurgistag zeigt genau das. Dass sehr viele verschiedene Menschen in dieser Stadt wohnen, mit verschiedenen Geschichten. Ist das für dich heute auch noch so, dass in Berlin jeder frei leben und so sein kann, wie er ist?

Das Schöne an Berlin ist: In jeder Epoche haben Leute versucht, aus der Stadt eine ordentliche Stadt zu machen, aber es ist ihnen nie gelungen. Diese Versuche sind gut gemeint, aber sie funktionieren zum Glück nicht. Was die Stadt wirklich bedroht, ist, dass es eine Eigentümerstadt wird, und keine Mieterstadt mehr ist. Aber frische Mentalität hat Berlin immer absorbiert und was Neues draus gemacht – in der Gründerzeit bis in die dreißiger Jahre, wo die Leute vom Land ihr Glück in Berlin gesucht haben, aber auch immer was dagelassen haben und wenn es nur Begriffe waren, die in das Berlinische eingegangen sind. Und genauso hat man das heute auch, dieses deutsch-türkische, verballhornte Berlinerisch, das ist auch eine Form des Berliner Dialekts. Da ist etwas dazu gekommen. Ich glaube, eine Stadt wie Berlin lebt davon, dass sie sich permanent erneuert.

Warum diese Mischform aus Journalismus und Fiktion?
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