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Für *Musikfanatiker

Wolves in the Throne Room – Celestial Lineage

31. Oktober 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Mit "Celestial Lineage" legen die Black-Metaller von Wolves In The Throne Room den letzten Teil einer Albumtrilogie vor und klopfen in alter Manier an die steinernen Tore der Pagan-Kultur.

Es ist zwar erst Herbst, allerdings fahren der gemeine Einzelhandel und die einschlägigen Supermarktketten wie gewohnt schon Anfang bis Ende September alles auf, was sich unter der Isotopie "Weihnachten" zusammenfassen lässt. Der Titel "Celestial Lineage" ("Himmlische Abstammung") für das neue Werk der Amerikaner von Wolves In The Throne Room (WITTR) könnte angesichts der gegenwärtigen Konsummaschienerie demhingehend ein extrem guter kritischer Marketinggag sein. Höchstwarscheinlich wäre das sogar im Sinne der Band gewesen, die die Konventionen der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts konsequent ablehnt. Andererseits: Das Trio, das im Bundesstaat Washington fern von jeglicher Zivilisation kommunenartig auf einer Farm lebt, dürfte von obigem Vorgehen recht wenig mitbekommen. Vielmehr ist der Titel folgendermaßen zu erklären: Als eine Kritik des Christentums, und der Thematisierung von Spiritualität und vorchristlichen Kulten im Allgemeinen. Exemplarisch zu Punkt Nummer 1 nennt Sänger und Gittarist Nathan Weaver das erste Buch Genesis mit der dem Menschen zugewiesenen Rolle des Herrschers über die Erde -für ihn der Beginn der Gewissenlosigkeit des Menschen und die Ursache des Übels auf der Welt. Mit der dem Black Metal oft zugewiesenen Rolle des Satanismus bzw. des Rechtsradikalismus haben WITTR inhaltlich also nichts gemein.

Sehen nach Waldschrat aus, klingen wie Goliath: Wolves In The Throne Room.

Sehen nach Waldschrat aus, klingen wie Goliath: Wolves In The Throne Room.

Parallelen zu den Anfängen des Genres, das seine Wurzeln im Schweden und Norwegen der 90er hat, bestehen lediglich in der Ablehung des Christentums und dem Zelebrieren altertümlicher Kulturen. Eine Thematik, die auch für den Künstler selbst ernst ausfällt, bedeutet dies doch gleichzeitig das Brechen mit der eigenen Kultur. "Celestial Lineage" ist nun nach den Vorgängeralben "Two Hunters" (2007) und "Black Cascade" (2009) der letzte Teil einer Albumtrilogie und der laut eigenen Aussagen Schlussstrich für WITTR und ihre bisherige Arbeitsweise, zum Glück aber nicht für jegliches musikalisches Schaffen.

Das ist noch immer geplant, auch wenn die Musik nicht mehr der Mittelpunkt im Leben des Trios sein soll; vielleicht hat man nach sieben Jahren autarkem Farmleben auch erst mal genug. Und tatsächlich -das Werk klingt ein wenig wie ein Abgesang: Hymnenartig, sakral und drohend. Statt sich stupide gradlinig in den gutturalen Gesang aus harsch-zischenden Screams zu flüchten, werden immer wieder spannungsfördernde Atempausen eingebaut. Das kann ein schleppendes, allein stehendes Gitarrenriff sein ("Subterranean Initiation"), eine beinahe-Leerstelle mit Glöckchengeklimper ("Thuja Magus Imperium") oder schlichtweg das Vermischen zweier Gegensätze, wenn sakraler Frauengesang auf brachiale Riffs trifft ("Woodland Cathedral").

Gleichzeitig ist "Celestial Lineage" wie ein kleines ambientartiges Hörspiel, das von der Geschichte eines Steinzeitstamms handelt; von alltäglichen Gegebenheiten wie der Opfergabe (Blutthematik in den Tracks!), dem ritzen von Höhlenzeichnungen, und verstörenden, mysteriösen Vorfällen wie der "Rainbow Illness". Alles in einem idyllischen Stück Natur, noch bevor sie von den Menschen unterworfen wurde. Der orchestrale Beginn des Openers "Thuja Magus Imperium" lassen zumindest für die ersten zwei Minuten vermuten, dass es sich hier nicht etwa um Metal, sondern vielmehr um den Soundtrack eines Fantasystreifens handelt.

Sobald aber die Drums angerollt kommen, wird einiges klar: Das hier ist keine nett dahinplätschernde Musik, sondern donnernder Ernst. Hart an die Psyche gehen tut die Platte aber auch noch ganz anders -etwa in "Permanent Changes In Consciousness", wo sich das fast zweiminütige nervenzerrende Schaben eines Steins auf Fels vor Feuergeknister in das Gehirn des Zuhörers brennt. Die Stimmung ist düster, man fühlt sich bei den Neandertalern und es hilft auch der summende Backgroundgesang mit Hall nicht mehr. Da sind die Fluten aus Gitarrenriffwellen und knüppelndem Schlagzeug in "Subterranean Initiation" eine Art Erlösung und wirken doppelt kräftig.

Paradoxerweise scheint nichts anderes als eine Kirche der passende Ort für dieses apokalyptische und archaische Soundgefüge zu sein; nichts passt wohl besser als Grabkerzen und hohe, gothische Säle, um dem Sound und den Thematiken der Band gerecht zu werden, denn die sind auch alles andere als klein: "Altertum, Apokalypse, Ortverbundenheit und der Kampf, Bedeutung und Spiritualität in einer materialistischen Welt zu finden". Und wo sonst, wenn nicht an einem solch intimen und dunklen Ort kann man sonst ungestörter der Shoegazing-Attitüde fröhnen? "Celestial Lineage" ist ganz sicher keine Musik für Max Mustermann, allerdings dürften die Brüche mit dem klassischen Baller-Metalschema (mittels zäher Soundwalzen) die Scheibe für so manchen interessant machen. Dichte Atmosphärik für Naturmenschen der existenzialistischen Art, Düsterdenker und alle, die keine Angst vor endzeitartigen Soundwellen haben.

 

Interpret: Wolves in the Throne Room

Albumtitel: Delestial Lineage

Erscheinungsdatum: 13.09.2011

Label: Southern Lord


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Kommentare

JohannesAm 5. November 2011

ich glaube ich bin der einzige der hier die musikauswahl der plattenspielerausgaben ausdrücklich feiert! bisschen pitchfork angehaucht das ganze!