TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Abzappler

Modeselektor – Monkeytown

17. Oktober 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Ja, sie haben es getan. Nach fünfzehn Jahren Bandbestehen legt das Berliner Elektro-Duo Moderat Werk Nummer drei vor. "Monkeytown" ist vieles, nur nicht einheitlich.

"Monkeytown" ist das dritte Album des deutschen Elektroduos Modeselektor. Wenn man bedenkt, dass Gernot Bronsert und Sebastian Szary schon seit fünfzehn Jahren gemeinsame Sache machen, kein gerade vorzeigbarer Releasedurchschnitt. Haben die Herren also (seit einiger Zeit schon) keine Ideen mehr? Ganz und gar nicht. Es liegt wohl vielmehr daran, dass die gebürtigen Berliner entgegen vielen anderen Künstlern nicht darum bemüht sind, regelmäßig ein neues Werk auf den Tisch zu knallen. Stattdessen sind sie wahlweise völlig planlos oder egoistisch – was von beidem der Fall ist, liegt letzten Endes im Auge des Betrachters. Nach eigenen Angaben verzettle man sich gerne mal in den diversen Aktivitäten, zu denen zwei eigene Label (Monkeytown und 50Weapons), die Arbeit mit bzw. in berliner Plattenläden und große und lange Live-Touren zählen. Moderat sind eben Freigeister. Die Laissez Faire, die sie gegenüber den Releasekonventionen an den Tag legen, gilt auch für Genre ihrer raren Veröffentlichungen, denn obwohl sowohl Bronsert (als Technopartyveranstalter) als auch Szary (als deren Besucher) ihre Wurzeln in der Technoszene haben, versuchen sie nach eigenen Angaben "so viel wie möglich zwischen den Stühlen umherzuspringen und das dann in eine homogene Masse zu verarbeiten". Heißt jetzt im Falle von "Monkeytown" konkret: Hip-Hop, Dub-Step, Rock, Ambient, Dub und Hard Trance feiern mit Techno eine große Party. Und wie es schon das bristoler Trip-Hop Pionier-Urgestein Massive Attack Platte für Platte seit Ende er 80er erfolgreich vorgemacht hat, geht auch bei Modeselektor die Rechnung "ich hole mir mal ein paar interessante Leute, die mir dann was einsingen" auf. Bei "Monkeytown" sind diese Personen die deutsch-rumänische Sängerin Miss Platnum, die Experimental-Rock Band P(i)V(o)T, der amerikanische Rapper Busdriver ... und Raidohead-Übermann Thom Yorke.

Mag der Opener "Blue Clouds" noch an die Dub-Sessions erinnern, mit denen Moderselektor 1996 ihre ersten Gehversuche machten, wird der Hörer mit "Petentious Friends" ohne Vorwarnung und ganz unverhofft in einen Hip-Hop Club geschleift. Der Track brettert dermaßen cool und dahingerotzt los, dass es schwer fällt, nicht einen abgebrüht coolen Blick aufzusetzten und mit "Evil Twin" haben die beiden sogar einen anständig dreckig-ballernden Technotrack auf Lager. Wie heißt es da so schön "Evil Twin/ Everyone has one/ Let them out". Und kein Zweifel -das tut man bei diesem Track gerne; nicht nur der Name, auch sein harsches Klangbild implizieren unübersehbare Querverweise auf einen britischen Workaholic-Elektrokünstler, der es mehr als gut verstand, mit seinem zwielichtigen Techno zu verstören: Richard David James, besser bekannt als Aphex Twin ("Come To Daddy"). Die tanzbare, straight nach vorn marschierende Seite ist aber nur die eine Hälfte von "Monkeytown". Modeselektor sind mittlerweile Familienväter geworden und dürften die Situation, in der sie sich ursprünglich kennen lernten (nach einer Techno-Party), nicht mehr ganz so oft erleben: Partyexzesse oder Katergefühle kommen zwecks eines strukturierten Arbeitsplans zur Tageszeit wohl nicht mehr allzu viel vor. Und auch auf der aktuellen Platte finden sich neben Tracks wie "Berlin" oder "Pretentious Friends" dann gleichermaßen sorgsam eingestreute Elemente, die man schon fast als melancholischen Ambient-Rock bezeichnen könnte. "Shipwreck" und "This Town" klingen nicht nur nach "The King Of Limbs", weil Thom Yorke stimmlich mitmischt. Dieses Dub-Step Muster ist wie auf dem letzten Raidohead-Release oder dem Groß aktueller alternativer Musikveröffentlichungen auch auf "Monkeytown" präsent. Eigentlich sollte es einen langweilen und nerven, aber -verdammt- es fühlt sich gut und immer noch frisch an. Vielleicht, weil es schwer ist, nicht innovativ zu klingen, wenn man Yorkes Organ hat. Vielleicht weil ein verzerrter Synthielauf und ein Schlagzeugsampel plus Stimme manchmal völlig genügen. Oder weil das Muster nicht auf allen Tracks durchgezogen wird.

Sicher ist jedenfalls, dass "Monkeytown" genau deswegen funktioniert, weil sie so facettenreich ist. Sollen andere doch nach Gesetzten produzieren. Modeselektor jedenfalls haben keinen, typischen einheitlichen Klang. Und das ist auch gut so.

 

Interpret: Modeselektor

Albumtitel: Monkeytown

Erscheinungsdatum: 30. September 2011

Label: Monkeytown Records

Konzerte:

01. Dezember: Leipzig/ Conne Island

02. Dezember: Hamburg/ Übel & Gefährlich

03. Dezember: Stuttgart/ SEMF


Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.