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Für *Melancholiker

„Ich habe nicht gelebt, ich bin gestorben – mehrmals“

4. Oktober 2011
Von Veronika Widmann

Veronika aus Mühldorf am Inn ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Veronika
autor@tonic-magazin.de

Veronika Widmann

Es gibt Filme, deren Titel bei den meisten nur ein Achselzucken hervorrufen – obwohl sie einen Freudenschrei verdient hätten. TONIC-Redakteure stellen diese vergessenen oder verkannten Film-Perlen vor. Den Anfang macht Veronika Widmann mit "Harold and Maude".

In seinen 18 Jahren Lebenszeit ist Harold schon fünfzig Mal gestorben. Er hat sich erhängt, ertränkt, erschossen, mit einem Schwert den Bauch aufgeschlitzt und sich die Pulsadern durchtrennt. Selbstmorde zu inszenieren ist Harolds Hobby, der Tod seine Faszination. Er fährt einen Leichenwagen und besucht zur Zerstreuung Beerdigungen. Gegen die Kupplungsversuche seiner egozentrischen Mutter ist er immun, er interessiert sich nicht für andere Menschen – bis er Maude kennenlernt. Maude geht mit quietschgelbem Regenschirm auf eine Beerdigung, verpflanzt traurige Bäume von der Innenstadt in den Wald, steht nackt Modell für einen Bildhauer und strahlt mit jedem ihrer federnden Schritte Lebenslust aus. Außerdem ist Maude 79.

Als Harold zum ersten Mal den Eisenbahnwaggon betritt, den Maude zu ihrem Zuhause umfunktioniert hat, stiehlt sich auch das erste Lächeln im Film auf sein Gesicht. Er nimmt sie mit zu einem Gebäudeabriss (ein weiteres seiner Hobbys), sie erklärt ihm daraufhin im Gewächshaus, wie gerne sie den Dingen beim Wachsen zusieht – und dass sie sich nach dem Tod gern in eine Sonnenblume verwandeln würde. Bald geht Harold nicht mehr auf Beerdigungen, sondern zu Maude. Die beiden werden eines der ungewöhnlichsten Paare der Filmgeschichte.

Weil Higgins bei einem Regisseur den Pool reinigte, gelangte das Skript an Paramount

Der Drehbuchautor Colin Higgins hatte "Harold and Maude" 1971 ursprünglich als Examensarbeit geschrieben. Nur weil er als Studentenjob bei einem Regisseur den Pool reinigte, gelangte das Skript über Umwege an Paramount, wo man sich zunächst entschieden gegen eine Produktion aussprach. Auch wenn die Sechziger eine Revolution gebracht hatten – Liebe und Sex zwischen einem Achtzehn- und einer beinahe Achtzigjährigen würden wohl kaum den Geschmack des breiten Publikums treffen. Tatsächlich war der Film an den Kinokassen ein finanzieller Flop.

Völlig zu unrecht. Bud Corts melancholisch naive Mimik ist brillant, Ruth Gordon sieht aus wie für die Rolle der Hippie-Oma geboren. Beide wurden für ihre Leistung für den Golden Globe als Beste Hauptdarsteller nominiert. Ruhig und ohne jeglichen Special-Effekt sind die Bilder, traurig, melancholisch, fröhlich aber vor allem wunderbar komisch ist die Stimmung des Films, das Ende vollkommen unerwartet. Der Soundtrack perfektioniert das Werk: Neun Stücke von Cat Stevens begleiten Harold und Maude, zwei davon eigens für den Film komponiert.

"Harold and Maude" ist eine Hommage an das Leben – und den Tod als Teil desselben. Eine Aufforderung zur Liebe, zur Sprengung von Konventionen und zum Individualismus. Oder, um es mit Cat Stevens zu sagen: "If you want to sing out, sing out. If you want to be free be free".

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Kommentare

VivianeAm 6. Oktober 2011

Ganz wunderbar wiedergegeben.

So habe ich mich auch gefühlt, als ich den Film das erste Mal gesehen habe! Und beim zweiten Mal. Und beim Dritten.

Und haben wir uns nach diesem Film nicht alle vorgenommen, später wie Maude zu werden? Auch wenn sie man sich gefragt hat, ob sie nicht auch ziemlich einsam in ihrem ungewöhnlichen Glücklichsein war, bevor sie Harold kennen gelernt hat.

Die Pooljobstory werde ich mir auf jeden Fall merken.

RaphaelAm 26. Oktober 2011

Ich liebe diesen Film! Komisch, das sind bei mir echt immer die uralten Filme, die wirklich keiner zu kennen scheint. -.-

RoseAm 27. Januar 2015

Der Etikel hat mir Lust gegeben, den Film zu sehen. das mac'ich auch bald