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Für *Exilanten

Die Hoffnung bleibt ein Stück Papier

12. Oktober 2011
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
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Jakob Hinze

Sri Lanka, Inselstaat im Südosten Indiens

Sri Lanka, Inselstaat im Südosten Indiens

Nathan gehört zur Volksgruppe der Tamilen, der größten ethnischen Minderheit Sri Lankas. Seit dem Ende der britischen Kolonialherrschaft und der Unabhängigkeitserklärung im Jahr 1947 streiten sie mit den Singhalesen, die über 80 Prozent der Bevölkerung ausmachen, um politische Macht. Die Tamilen, aufgrund ihrer meist besseren Bildung zu Kolonialzeiten von den Engländern bevorzugt, werden nach deren Verschwinden offen diskriminiert. In der Folge bildet sich eine radikale Gruppe, die einen autonomen Tamilen-Staat im Nordosten der Insel fordert: Tamil Eelam. Die Liberation Tigers of Tamil Eelam, kurz LTTE, schrecken dabei nicht vor Gewalt zurück: 1983 sterben bei einem ihrer Angriffe auf einen Militärstützpunkt 13 Menschen – es ist der Auslöser des Bürgerkriegs.

Die folgenden Jahre sind ein Wechselspiel aus beidseitigen Gräueltaten, kurzlebigen Waffenstillständen und fortschreitenden Verhärtungen der Fronten. Die Guerilla-Krieger der LTTE operieren vor allem aus dem Dschungel und kontrollieren mal größere, mal kleinere Gebiete im Norden der Insel. Die Regierungspartei weist unterdes die indischen Friedenstruppen wieder aus, die 1987 mit einem UN-Mandat ins Land gekommen waren. 2002 wird ein Waffenstillstand ausgehandelt, der aber bald nur noch auf dem Papier existiert. Zu diesem Zeitpunkt hat die Regierung bereits Bombenangriffe auf ein Kinderheim geflogen, und die LTTE ist von den USA und der EU auf die Liste terroristischer Organisationen aufgenommen worden: Die Black Panthers, eine Spezialeinheit der LTTE, hat bis dahin schon hunderte Selbstmordanschläge verübt und ranghohe Regierungspolitiker gezielt liquidiert.

Raus aus dem Gefängnis, aber nicht in der Freiheit angekommen

2008 wird der Waffenstillstand aufgehoben, doch die Aufständischen haben der Regierung ohnehin nichts mehr entgegenzusetzen. Als Soldaten am 18. Mai 2009 den Rebellenführer Velupillai Prabhakaran erschießen, ist der Bürgerkrieg offiziell beendet. Um ja keine Rebellen entwischen zu lassen, beginnt die Regierung in den besonders verlustreichen letzten Kriegsmonaten mit der flächendeckenden Gefangennahme von Flüchtlingen. Einer von ihnen ist Nathan. Weil die Regierung keine ausländischen Hilfskräfte mehr ins Land lässt, ist kaum verbürgt, was genau innerhalb dieser Gefängnisse am Ende des Krieges geschehen ist. Vergewaltigung, Folter, Mord: Die Regierung schweigt darüber ebenso wie jetzt Nathan auf einer Parkbank in Paris – nur auf seinem Körper sind die Spuren sichtbar geblieben.

Nach dem Ende seiner Gefangenschaft ist Nathan nach Europa gekommen – und gleich wieder von der Polizei aufgegriffen worden. Weil er keine Papiere hat, muss er auch in Frankreich zunächst ins Gefängnis, jedoch nur für eineinhalb Tage. Paris, das ist kein Ort für ihn, bloß Station auf seiner Reise: Dem Bürgerkrieg und dem Gefängnis ist er hier bereits entronnen, doch seine Identität und seine Freiheit hat er hier noch nicht zurück. Er fristet die Tage in den Boulevards, bleibt immer im selben Viertel, er wartet. Paris liegt im Nirgendwo zwischen seiner Vergangenheit und Zukunft. Sein wichtigster Besitz liegt jetzt zusammengefaltet in seiner Westentasche: Eine schriftliche Einladung ins britische Konsulat. Weil Sri Lanka als ehemalige Kolonie zum Commonwealth gehört, hat Nathan gute Chancen, nach England einreisen zu dürfen. Dort, so sagt er, gäbe es eine tamilische Gemeinde, dort könnte er ein Zuhause finden und wieder arbeiten.

Nathan Sama - gestrandet in Paris, ist jetzt hoffentlich in England

Nathan Sama - gestrandet in Paris, ist jetzt hoffentlich in England

Dies ist die Aussicht, mit der Nathan sich verabschiedet. Seit 28 Jahren ist kein Tag vergangen, an dem er weder Krieg, noch Gefangenschaft, noch Obdachlosigkeit am eigenen Leib erlebt hat. Doch vielleicht tut sich noch am Ende dieses Tages eine neue Perspektive auf: ein Flugzeug nach London.


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