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Für *Exilanten

Die Hoffnung bleibt ein Stück Papier

12. Oktober 2011
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Die Penner im Park nerven die Touristen, wollen ihnen den Rucksack klauen und die Kamera – wer sich mit Nathan Sama unterhält, überdenkt solche Vorurteile schamerfüllt. Und hört eine bewegende Geschichte.

Nathan ist seit 5 Tagen auf der Straße - nur mit Kamm und einem Stück Papier

Nathan ist seit 5 Tagen auf der Straße - nur mit Kamm und einem Stück Papier

Der Square Louis XVI ist ein kleiner Park in Paris, auf dessen Bänken es an Augustvormittagen drei Arten von Menschen gibt: die Rentner; sie bröckeln altes Brot und füttern die Spatzen. Die Geschäftsleute; die kommen aus den Bürogebäuden ringsherum und spielen in ihrer Pause mit ihren Smartphones. Und die Obdachlosen; sie haben hier die Nacht verbracht, liegen noch in Decken gehüllt oder bereiten sich soeben zum Aufbruch vor, indem sie ihre Habseligkeiten in Tüten verstauen. Nathan Sama hat dazu an diesem Morgen nicht viel Zeit gebraucht. Sein Besitz beschränkt sich auf einen Kamm und ein Stück Papier in seiner Westentasche. Seit einer Woche ist er in Paris, seit fünf Tagen lebt er auf der Straße. Und heute hat er einen Termin im britischen Konsulat, der über nichts weniger entscheiden wird als über den Beginn eines neuen Lebens.

Wenn er bloß dasitzt und erzählt, von sich, von seiner Geschichte, fragt man sich unwillkürlich, ob Nathan verrückt sein könnte. Oder gefährlich. Seine ersten Sätze sind konfus. Sein Englisch, das sich nur mühsam als solches erkennen lässt, ist durchsetzt mit Wörtern einer offenbar fremden Sprache, und immer wieder unterbricht er seine Rede, um an den unpassendsten Stellen in lautes Gelächter auszubrechen. Dann streckt er den Arm aus und wartet grinsend darauf, dass man "ihm fünf gibt". Bloß weiß man nie so recht, worauf eigentlich. Sein Äußeres trägt ebenfalls wenig zur Vertrauensbildung in seine Person bei: Die Jeans und die beige Weste sind fleckig, sein Kinn unrasiert, sein Lachen voller Zahnlücken. Er verströmt einen süßlichen, nicht abstoßenden, aber fremdartigen Geruch. Und was er erzählt, ist bisweilen so entsetzlich, dass man es lieber nicht für wahr halten wollte.

Die Haft hinterließ ihm lange Narben und ein entstelltes Gebiss

Doch für einen Verrückten kennt er sich zu gut in der Welt aus: In Nebensätzen blitzen bisweilen erstaunliche Kenntnisse auf, die bestimmt das Wissen mancher Anzugträger in diesem Park, die ab und zu argwöhnische Blicke herüberwerfen, übersteigen. Er kennt nicht nur die deutsche Regierungschefin beim Namen, sondern weiß auch, dass die größte Einwanderungsgruppe der Bundesrepublik aus der Türkei stammt. Obwohl er es offensichtlich nicht darauf anlegt, kommt man bald nicht mehr umhin, ihm zu glauben.

Nathan ist 41 Jahre alt, und er will nie wieder zurück in seine Heimat: Sri Lanka. Der Inselstaat im Südosten Indiens war die längste Zeit seines Lebens – von 1983 bis 2009 – Schauplatz eines erbitterten Bürgerkrieges mit geschätzten 80.000 bis 100.000 Toten. Eine Familie lässt er dort nicht zurück: Seine Eltern sind zwei der 230.000 Todesopfer des Tsunami, der am 26. Dezember 2004 den Ostindischen Ozean heimsuchte. Sein Bruder fiel im letzten Kriegsjahr 2009 während eines Bombenangriffs, "fighting", wie Nathan erklärt. Die Nachricht ereilte ihn im Gefängnis. 19 Monate war Nathan am Ende des Bürgerkrieges inhaftiert. Als er das erzählt, krempelt er seine Ärmel hoch und zeigt auf lange Narben entlang beider Oberarme, und er gibt noch einmal demonstrativ den Blick frei auf sein entstelltes Gebiss. Um das anzurichten, hat offensichtlich jemand körperliche Kraft aufgebracht. Wenn er über das Gefängnis spricht, wiederholt er mehrfach eine Geste, als ob er sich mit dem Finger die Kehle durchschnitte.

Sri Lanka -Schauplatz eines langen Bürgerkriegs
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