TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Tagträumer

Apparat – The Devil's Walk

4. Oktober 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
[email protected]

Hannah Seichter

"Apparat" sind vom Ein-Mann-Projekt zur Band mutiert. Mit "The Devil's Walk" legen sie eine Scheibe vor für Melancholiker, Sonnenliebhaber, Nachtmenschen und Tagträumer gleichermaßen – made in Mexico.

"Unsere Musik ist immer so düster, weil wir sie stets zur Winterzeit und in kalten Städten aufgenommen haben", meint Joshua Eustis über sich selbst und Kollege Sascha Ring alias Apparat. Wer Rings Silizium EP (2005) gehört hat, weiß, was gemeint ist: Schleppende Streichersamples schmiegen sich an traurigen Gesang und es treten viele Bilder auf. Sonne ist nicht dabei. Zeit für ein Gegenprogramm, das bei Ring und seinem Mitstreiter von der amerikanischen Elektroband Telefon Tel Aviv so aussieht: Man reise im Januar und Februar in die Küstenstadt Sayulita in Mexiko, genieße die Sonne, rauche eine Menge Zigaretten, konsumiere einige der ortsansässigen Spirituosen und sauge die Atmosphäre ein. Ach ja, und mache dann noch ein bisschen Musik. Doch wenn die Stimmung so gelassen und das Unternehmen eher ein gechillter Urlaub ist, was hat dann der suspekte Herr mit dem Hammer und den Gebeinen auf dem Tisch im Coverartwork zu suchen? Die Antwort gibt gewissermaßen der Produktionsort. In einem Land, in dem der día de los muertos ("der Tag der Toten") farbenfroh gefeiert wird, liegen Leben und Tod nah beieinander und entbehren sich ihrer Dichotomie. Außerdem ist "The Devil's Walk" noch eine satirische Ballade des britischen Romantikers Percy Bysshe Shelley, in dem dieser unmissverständlich erklärt, dass ein hinterlistiger Tyrann, wie er auf dem Cover zu sehen ist, doch bitte tot gehört ("The false Tyrant's cheek should be bloodless as his soul").

Die Verbindung zum Vergänglichen ist auf The Devil's Walk dann auch nicht ernst und melancholisch, sondern vielmehr verspielt. Wie auf dem Vorgänger Walls (2007) folgt Ring dem Paradigma der Intelligent Dance Music und lässt klassische Instrumente wie tropfende Xylophon- und Percussiontöne in das elektronische Gesamtbild einfließen. Auch die warmen Streicher sind wieder mit von der Partie. Allerdings klingt das Ganze nicht mehr derart Pop-lastig und tanzflächentauglich, sondern reduzierter und schwebender. Oder – um Eustis zu zitieren – "sunny and airy". Rings Vocals setzen sich schwerelos auf das restliche knisternde organische Instrumentarium, wenn er vom "first spinder's grid" ("Escape Master") berichtet.

Die Atmosphäre, die auf dem Häuschen über der See herrscht, ist "The Devil's Walk" in Mark und Bein übergegangen. Es sind intensive Momentaufnahmen, die von einer im Dunkeln schillernden Großstadt genau so berichten wie von Lichtspielen durch Baumwipfel im Sommer. Dennoch wäre es nicht richtig zu behaupten, "The Devil's Walk" sei eine durchweg fröhliche Platte. Ganz und gar konnten Ring und Eustis die melancholische Stimmung der Heimat zur Winterzeit nicht abstreifen. In "Blackwater Master" und "Goodbye Master" schimmert sie hervor, wenn dumpfe Drums und rätselhafte Glitches im Unterbewusstsein eine schaurig-schöne Gänsehaut provozieren. Dabei ist das mit Anja Plaschg alias Soap & Skin aufgenommene "Goodbye Master" wohl der geheime Edelstein auf The Devil's Walk. Kein Wunder, denn wie Ring entstammt das österreichische "Wunderkind" (Feuilletons, Musikpresse) auch nicht gerade einer Metropole, sondern ist auf einem Bauernhof auf dem Platten Land aufgewachsen. Außerdem singt Plaschg in ihren sehr speziellen Tracks mit gesampelten Schlachthausgeräuschen gerne mal davon, begraben zu werden. (Womit dann auch wieder die Verbindung zum morbiden Apparat-Cover gewährleistet wäre.) Das ist hier zwar nicht der Fall, eindringlich und rührend ist ihr Sprechgesang über schleppenden Klavierakkorden und knartschenden Distortion-Effekten aber nichtsdestoweniger. Nach Rings Kollaboration mit der deutschen Elektrokünstlerin Ellen Allien anno 2006 hätte es wohl keine bessere NachfolgerIn geben können.

Die Band der mexikanischen Melancholiker

Die Band der mexikanischen Melancholiker

The Devil's Walk ist ein Album geworden, das Unbeschwertheit und Ernst ineinander vereint und Rings zweite Intention erfüllt haben dürfte: Neben der Flucht vor der Kälte Berlins (Ring) und Chicagos (Eustis) stand für ihn die Lösung eines weiteren Problems auf der Motivliste. Seine "komischen, festgefahrenen Produktionsmethoden" hätten Ring laut eigener Aussage nämlich schließlich selbst "gelangweilt", weil sie zu "immer gleichen Ergebnissen" geführt hätten. In dem mexikanischen Häuschen auf dem Berg gab es die nicht; die Aufnahmen fanden im Wohnzimmer statt, dessen einziger technischer Luxus in den akustisch günstigen hohen Wänden bestand. Back to the roots also, was die Produktion anging und auch teilweise auf die Musik zutrifft. Schließlich ist The Devil's Walk das Vereinen der alten schwermütigen Seiten von Apparat und des neuen lebensfrohen Sounds. Ein Album, das alte wie auch neuere Hörer zufrieden stellen dürfte. Clevere Marketingstrategie, Herr Ring.

 

Interpret: Apparat

Albumtitel: The Future Is Here

Erscheinungsdatum: 23. September 2011

Label: Mute


Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.