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Für *Türken

Warten auf die Kartoffelparty

2. September 2011
Von Veronika Widmann

Veronika aus Mühldorf am Inn ist Redakteurin bei TONIC

Texte von Veronika
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Veronika Widmann

Eine Familie kämpft ums Bleiberecht, Parkbesucher erobern die Hasenheide zurück und ein junger Muslim entdeckt seine Homosexualität. Drei Filme, eine Stadt – und Teil drei des Neukölln-Spezials.

Neukölln Unlimited

Eine Kartoffelparty wolle sie schmeißen, sollte sie irgendwann die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten, erklärt Lial, 19, in einer der ersten Szenen von "Neukölln Unlimited". Ein Freund hat das vor kurzem getan und feierte mit Kartoffelpuffern, Kartoffelsalat und Kartoffelpüree die Einbürgerung. Denn auch wenn die Kartoffel ursprünglich aus Amerika stammt, ist sie für Lial und ihren Bruder Hassan (18) Teil der deutschen Kultur. Heute reicht es auf dem Amt nur für eine dreijährige Aufenthaltsgenehmigung – immerhin, der Rest ihrer Familie wird lediglich geduldet, könnte jederzeit abgeschoben werden. Ein Jahr lang begleitete die Kamera Hassan, Lial und ihren jüngeren Bruder Maradona durch ihren Neuköllner Alltag, immer wieder unterbrochen von Rückblenden im Zeichentrickstil, die von einer früheren Abschiebung in den Libanon, das Heimatland ihrer Eltern, erzählen. Ob der Besuch auf dem Amt, das Gespräch mit der Asylberatung oder der Familienstreit über die Eskapaden des hyperaktiven Maradona – "Neukölln Unlimited" ist nah dran und authentisch. Und wenn die musikalischen Geschwister ihre Talente beweisen, singen, rappen und beim Breakdance auf der Deutschen Meisterschaft überzeugen, dann ist das selbst für Hip-Hop-Muffel absolut sehenswert.

Berlin: Hasenheide

Auf der FKK-Wiese in der Hasenheide, dem "Nudistenghetto", hat es 38 Grad, ein langer, dürrer, braungebrannter Nackter streicht seine graue Schmalzlocke zurück und besprüht sich mich Wasser aus einer Spraydose; seine Nachbarn haben ein ganzes Planschbecken gefüllt und räkeln sich im kühlen Nass.

Im langen, schwarzen Mantel führt eine Dame mit ebenso schwarzem Haar und riesiger weißer Perlenkette ihren wohlerzogenen Windhund Baja im herbstlichen Park spazieren. Ja, sie sei wohl eine gute Hundemutter und ja, es sei ihr auch schon gesagt worden, dass sie und ihr Hund aussähen wie dem Art Déco entsprungen.

Zwei Szenen, zwei Jahreszeiten, Menschen, die unterschiedlicher nicht sein könnten. In "Berlin: Hasenheide" lässt die Regisseurin Nana A.T. Rebhan sie und andere Parkbesucher zu Wort kommen. Parkbesucher, die die Hasenheide zum Entspannen, Fußballspielen, Grillen, Joggen und Fahrradfahren nutzen. Wo denn die Drogendealer seien? Ach, hier und da in den Büschen, am Rande des Parks Richtung Hermannplatz.

"Berlin: Hasenheide" ist eine Hymne auf den Park als Freiraum, Treffpunkt und ein Stück Natur mitten in der Stadt. Am Ende wünscht man sich nur, die Dokumentation wäre länger als 72 Minuten: Viele der Porträtierten, denen nur ein paar Szenen gewidmet werden, würde man gerne besser kennenlernen.

Shahada

Maryam, Tochter eines liberalen Berliner Imam, treibt in der Toilette eines Nachtclubs ein Kind ab. Anhaltende Blutungen und ein quälend schlechtes Gewissen treiben sie in Wahnvorstellungen und religiösen Fanatismus. Ismail, Polizist und junger Familienvater, hat mit einem inneren Dämon zu kämpfen, seit durch einen Schuss aus seiner Pistole eine Frau ihr Kind verlor. Sammi, Sohn einer alleinerziehenden Migrantin, versucht verzweifelt, seine Liebe zu einem Arbeitskollegen vor sich selbst zu verleugnen. Der Spielfilm "Shahada" (der arabische Name für das muslimische Glaubensbekenntnis) erzählt die Geschichte dieser drei jungen Muslime in Berlin, die alle der Gemeinde von Maryams Vater angehören. Schon der Vorspann präsentiert sich in schwarz und grau, auch die meisten Szenen wirken düster. Eigentlich hält "Shahada" genug Sprengstoff und Drama für drei Filme bereit. Bei eineinhalb Stunden Länge bleibt für jede der Geschichten gerade einmal 30 Minuten und so erscheinen viele der Personen lediglich skizziert statt charakterisiert. Das Thema und die liebenswerte Figur des progressiven Imams mit großväterlicher Güte machen "Shahada" trotzdem sehenswert.


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