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Für *Gefallene Engel

Im Zweifel ohne Religion

11. September 2011
Von Anja Bossow

Anja aus Hamburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Anja
autor@tonic-magazin.de

Platzhalter

Trotz intensiver Beschäftigung mit ihrem Glauben, klingen die Gespräche der Mormonen über Gott für Anja fremd.

Trotz intensiver Beschäftigung mit ihrem Glauben, klingen die Gespräche der Mormonen über Gott für Anja fremd.

Nach der heutigen Versammlung bleibe ich im Raum, um der Sonntagsschule beizuwohnen. Heute wird sie von Jugendlichen veranstaltet. Die zwei jungen Männer sind aufgeregt. Sie sind in meinem Alter, der eine blond, groß, der andere untersetzt und braunhaarig. Sie drücken sich ein bisschen vorm Anfangen, bis sie schließlich zwei unterschiedlich große Geschenke herausholen und auf das Rednerpult stellen. Es ist das Geschenk des Heiligen Geistes und das der Erkenntnis, wie mir erklärt wird. Die Frauen stellen Fragen über den Unterschied zwischen Erleuchtung und Erkenntnis, zu dem Einfluss des Heiligen Geistes im Alltag, über Kindererziehung, Selbstbeherrschung und Geduld. In ihrem Alltag ist Gott allgegenwärtig. Er ist Leitfigur, Ratgeber, Kraftquelle, der ihnen bestätig zur Seite steht. Sie spüren ihn beim Familienessen, in Stresssituationen oder wenn sie ein schlichtes Amen sprechen. Ich höre sie davon erzählen und trotz vier Wochen strikter Kirchenbesuche und intensiver Beschäftigung mit ihrem Glauben, klingt es genauso fremd und unverständlich wie am ersten Sonntag. Ich bin nicht einen Schritt weiter, wenn es darum geht, ihren Glauben zu verstehen.

Mit dem Thema Religion hat Anja abgeschlossen.

Es tut mir fast ein bisschen leid um Sister Singer, Schwester Mirja, Mutter Sabine und all den anderen, die so freundlich versucht haben, mir ihren Glauben näherzubringen und mich zu erretten. Ich werde zwar nie begreifen, warum hier studierte Menschen sitzen, die sich nicht als eigenständig handelnde Wesen sehen und ich verstehe nicht, warum alles Gute auf dieser Welt nicht uns sondern einem überirdischen Wesen zugeschrieben wird. Doch trotz alledem habe ich mittlerweile begriffen, dass sie vollkommen aufrichtig in ihrem Glauben sind. Und ich respektiere und achte die Menschen, die in der Lage sind, mit einer solchen Ausdauer und Ehrlichkeit zu glauben. Ich kann das nicht, obwohl ich immer leicht verträumt war, schließlich habe ich mit dreizehn immer noch auf den Hogwartsbrief gehofft. Vielleicht hinterfrage ich zu viel oder verfüge über zu wenig Fantasie. Ich weiß es nicht und werde es auch nie herausfinden, denn mittlerweile bin ich mir sicher, mit dem Thema Religion abgeschlossen zu haben.

Zu einengend, zu dogmatisch, nicht liberal genug.

Die Mormonen praktizieren ihren Glauben stärker als andere Religionen. Sie integrieren ihn aktiver in ihren Alltag, wodurch man als Außenstehender schneller damit konfrontiert wird und als Mitglied sich das Leben ohne die Kirche schwer vorstellen kann. Und sie versuchen, dir ihre Lebensweise nahezubringen und dich von ihrer Richtigkeit zu überzeugen. Das wirkt bekehrend und somit abschreckend auf viele. Ich erlaube mir nicht zu urteilen und zu behaupten, die Mormonen seien (k)eine Sekte. Mitglied einer derartigen Gemeinschaft zu sein, hat seine Vor- und Nachteile. Für mich persönlich ist es zu einengend, zu dogmatisch und nicht liberal genug. Und somit wird heute wohl das letzte Mal sein, dass ich durch diese Kirchentür spaziere. In Zukunft werde ich sonntagmorgens wieder ausschlafen und ausgedehnt frühstücken, anstatt auf der Kirchenbank Hymnen zu singen und mir das Amen zu verkneifen.


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Kommentare

Dieter PicklappAm 19. September 2011

Aus Versehen duze ich sie, - (aus Versehen?) Ich versichere meine Anwesenheit, tausche noch ein paar Floskeln (Warum Floskeln, warum keine ehrliche Antwort? und warum: Oh nein, und doch hingegangen???

Um Fehler zu finden??? Dieses arme Mädchen sagt eine Menge über sich selbst aus, aber nichts über Mormonen (außer, dass sie freundlich sind.