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Dear Reader – Idealistic Animals

7. September 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Philosophieren und dabei auch noch gut klingen – Cherilyn MacNeil alias Dear Reader ist das beste Beispiel dafür, dass Desillusionismus kein böses Ende haben muss.

Angefangen hatte alles 2006, als sie sich noch "Harris Tweed" nannten und ihr Debüt in Südafrika veröffentlichten. Weil die gleichnamige Klamottenmarke aber den Rechtsstreit um den Namen gewann, hießen sie ab 2008 Dear Reader und schaffeten ein Jahr später mit "Replace Why With Funny" den internationalen Durchbruch. Damals steckten hinter Dear Reader noch zwei Köpfe und die Tatsache, dass die Band nicht etwa aus dem nordischen oder britischen Raum kam, sondern geradewegs aus Johannesburg, verwunderte so manchen: Anhören tat man der Band ihren Wohnort keineswegs. Ein Grund hierfür ist die Hassliebe, die sie mit ihrer Heimat und deren Problematik verbindet. Einerseits kosmopolitisch durch 12 Amtssprachen, andererseits durch eine extrem hohe Kriminalitätsrate und ethnische Spannungen geprägt, ist das Verhältnis gespalten, vor allem wenn man wie Torr und MacNeil zur britischstämmigen Minderheit zählt. Zwei Jahre später und zum neuen Album "Idealistic Animals" hat sich einiges geändert. Man ist nach Berlin gezogen und hat sich halbiert. Die eine Hälfte – Bassist und Keyboarder Darryl Torr- blieb in Afrika um sich vollends seinem Hauptberuf Studioingenieur widmen zu können, während Songwriterin und Sängerin Cherilyn MacNeil sich in Berlin niederließ und die deutsche Sprache inzwischen schon ganz gut beherrscht. Unter diesen Voraussetzungen ist es geradezu selbstverständlich, dass das neue Werk ein "break-up album" (Cherilyn) werden musste. Ohne Studioingenieur Torr im Nacken hatte sie endlich einmal die Möglichkeit, sich mit Lo-Fi und Home Recording auszutoben.

Das Ergebnis klingt angenehm warm und unaufdringlich und, um ehrlich zu sein: harmlos, fast belanglos. Chöre im Hintergrund, süßliche Melodien, flauschige und verschwommene Instrumentierung, nie wird es zu auffällig oder kracht gar richtig. Das war schon bei "Replace Why With Funny" so und dieses Note wird mit "Idealistic Animals" durch weniger orchestrale Arrangements, den schwächeren Drumeinsatz und eine schüchternere Stimme zusätzlich verstärkt. Glücklicherweise ändert sich der erste Eindruck mit steigender Durchlaufzahl, wenn die gelangweilte Haltung immer mehr einer aufmerksamen weicht; es lichtet sich gewissermaßen und ganz unverhofft treten kleine Details aus dem zuvor noch da gewesenen einheitlichen Dunstkreis hervor. Cherilyn etwa singt ihre Lyrics nicht einfach, sondern lässt sie auf der Zunge zergehen, liest sie schon fast; Hörer wird zum passiven Leser und der Name "Dear Reader" omnipräsent. Dabei handelt es sich hier um nichtgerade leichte Kost. "Idealistic Animals" thematisiert ihre größte Angst -dass das Leben vollkommen bedeutungslos sei und man weder Einfluss noch Kontrolle darüber hat- sagt Cherilyn und verarbeitet nebenbei noch ihren Bruch mit dem Christentum, das sie mit ihrer strengen religiösen Erziehung bis zum Alter von 23 Jahren begleitete. Die Lyrics sind so zwar einerseits desillusorisch, haben aber gleichzeitig einen bezaubernd melancholischen Unterton; hier wird nicht ausgesagt, dass alles vergeblich ist, sondern wie in "FOX (Take Your Chances)" Handeln aufgefordert ("'cause life is dull/ and sin/ most of the time/ take your chances/ now.") oder aber selbstkritisch über den Menschen philosophiert ("Tell me the meaning/ what do you control?/ Is there anything at all?/ are just idealistic animals" (MAN (Idealistic Animal)")). So, wie sich das idealistic animal"man" in Dear Readers Konzeptalbum unter diversen Tiernamen (alle Tracks beginnen mit einem solchen) wiederfindet, ist er letzten Endes nur eines, seine Position als "Krönung der Schöpfung" nur ein für seine Existenz profitables Gedankenkonstrukt.

Was zu Beginn noch nach etwas leiser Hintergrundmusik klang, verändert sich langsam. Es ist gerade diese Diskrepanz aus Form und Inhalt, die "Idealistic Animals" zu einem reizvollen, besonderen Stück Musik macht. Mit der "dunklen" Message im Hinterkopf verselbstständigt sich das Werk mit einem psychologischen Effekt: Wohl wissend, wie wenig harmlos diese Platte in Wirklichkeit doch ist, erscheinen die Violinen in "MONKEY (You Can Go Home)" schneidend unddramatisch, Cherilyn schluchzt in "ELEPHANT (Hearter)" statt zu summen und macht es zur zerbrechlich-Ode. Das Werk beginnt ganz langsam eine Verzweiflung und Sehnsucht auszustrahlen, thematisiert es doch genau die Fragen, die oft keine Antworten haben und mit denen sich jede(r) schon einmal beschäftigt hat. Die Musik fungiert als auffangender Puffer oder Kompensator; die Weichheit des Lo-Fi fängt den Hörer wieder auf, wenn die Lyrics zu nagend werden.

Wer das Soundäquivalent zur Bezeichnung "bittersüß" suchte, hat es mit "Idealistic Animals" gefunden. Existentialismus für Indies oder ein Kompensator für Nihilisten.

 

Interpret: Dear Reader

Albumtitel: Idealistic Animals

Erscheinungsdatum: 2. September 2011

Label: City Slang


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