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Für *Agnostiker

Zwischen iPhone und Erleuchtung

18. August 2011
Von Anja Bossow

Anja aus Hamburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Anja
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Platzhalter

Alkohol, die Simpsons, intime Liebesbeziehungen - nach mormonischem Denken ist Anja schon oft vom Teufel verführt.

Alkohol, die Simpsons, intime Liebesbeziehungen - nach mormonischem Denken ist Anja schon oft vom Teufel verführt.

Niemand ist hier, obwohl er das nicht sein will. Sogar die Kinder oder Jugendlichen wirken nicht genervt, sondern zufrieden. Ein Anblick, den ich noch nie gesehen habe und mir unverständlich ist. Haben sie nichts Besseres zu tun: Hausaufgaben, Freunde treffen, ausschlafen? Warum bin ich die Einzige, die müde wirkt? War denn niemand von ihnen gestern lange weg mit Freunden? Nein, wird mir erklärt. Samstagabends wegzugehen, ist für mormonische Jugendliche nicht vorgesehen. Ebenso wenig wie Alkohol-, Tabak-, Kaffeekonsum, unsittliche Fernsehsendungen wie die Simpsons, von Satan inspirierte Musik von Eminem oder intime Liebesbeziehungen. Ich muss schlucken. Nach mormonischer Auffassung bin ich von Satan schon mehr als einmal verführt, zahlreichen Sünden verfallen und von Grund auf verdorben. Anzusehen scheint es mir aber niemand.

Persönliche Ansprachen statt Predigten faszinieren Anja.

Um Punkt viertel nach neun ist die Kirche gefüllt und der Bischof beginnt die Versammlung. Gottesdienst- den Begriff gibt es hier nicht. Es wird gesungen und das Abendmahl eingenommen. Ich verzichte. Ein Fan von Toastbrot war ich noch nie und Sonntagmorgens um die Zeit schon gar nicht, auch wenn es heilig ist. Die Lieder sind lang und beinhalten das übliche Gefasel von Gottes Größe und unserer Sünde, mit dem ich einfach nichts anfangen kann. Der Orgelspieler ist eine Katastrophe.

Anstelle von Predigten werden Ansprachen gehalten. Es sind mehr Erzählungen und interessante Geschichten. Sie sind sehr persönlich, handeln von den eigenen Erfahrungen mit dem Glauben. Für mich ist es faszinierend, derartige Glaubensbekenntnisse ohne Phrasen und ohne Vaterunser zu hören.

Wie nur kann ein Akademiker an das Buch Mormon glauben?

Nur die Schlussformel befremdet mich. Es reicht kein Amen: Wie ein Mantra, eine Beschwörung wird immer wieder gesagt: Ich bezeuge, dass das Buch Mormon wahr ist, dass die Kirche Jesu Christi der Letzten der Heiligen Tage die einzig Richtige ist und ich erlöst werde. Erst dann das Amen. Ich kann es nicht mitsprechen, nicht einmal aus Höflichkeit. Einen Bericht zu bezeugen, der von einem Sechzehnjährigen vor zweihundert Jahren angeblich im Auftrage Gottes von unauffindbaren Goldplatten abgeschrieben wurde, widerspricht jeglichem Ansatz wissenschaftlichen Denkens, der in mir vorhanden ist. Ich sehe, wie der Bischof Amen sagt: Er ist Arzt. Wie kann ein Mediziner, ein Akademiker, der mit wissenschaftlichem Arbeiten vertraut ist und selbst jeden Tag damit umgeht, an so etwas glauben?

Nach dem Gottesdienst muss ich gehen, weltlichere Dinge warten auf mich. Ich verabschiede mich, bekomme noch Schwester Mirjas Telefonnummer, ein paar Broschüren und werde eingeladen, ein weiteres Mal zu kommen. Mach ich doch gerne, nächstes Mal dann auch im Rock, knielang und schwarz. Falls ich so etwas besitze.

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