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Für *Die Besten

Loriot ruht – in uns allen

30. August 2011
Von Karoline Menge

Karoline aus Berlin ist Autorin bei TONIC

Texte von Karoline
autor@tonic-magazin.de

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Den richtigen Blick auf eine Gesellschaft voller natürlichem Witz – Loriot hatte ihn. Auch nach seinem Tod ruhen sein Charme und seine Komik in jedem Einzelnen von uns.

"Siehst du, da sitzt eine Meise am Fenster."

"Ach was."

"Ja, siehst du sie denn nicht?"

"Ich sehe keine Meise."

"Du musst doch nur mal hingehen, mein Gott."

"Wieso soll ich ans Fenster gehen, um mir eine Meise anzusehen?"

"Ich finde es schön, wenn eine Meise am Fenster sitzt."

"Es interessiert mich aber nicht, ob eine Meise vor meinem Fenster sitzt."

"Ich fände es schön, wenn es dich interessieren würde."

"Mich interessiert weder die Meise vor meinem Fenster, noch sonst irgendein Vogel vor irgendeinem Fenster."

Meine Großeltern. Loriot hätten sie gefallen. Ein Paradebeispiel natürlich komischer Menschen, die so würdevoll und liebenswert in ihrer Welt leben und dabei immer ein Stückchen Witz nach außen tragen. Bernhard Victor Christoph Carl von Bülow alias Loriot machte sich nicht böswillig über die kleinen und großen Spießer der deutschen Gesellschaft lustig, denn eigentlich gehörte er selbst dazu. Dem Stern sagte er einmal: "Ich zeige ja allzu menschliche Dinge, die wirklich jedem passieren und einen großen Wiedererkennungswert haben." Auf die Frage eines Spiegel-Reporters, in welchen Alltagssituationen man Loriot selbst unfreiwillig komisch erleben könne, antwortete er mit einer Anekdote: In einem Supermarkt wurde er für geisteskrank erklärt, als er sich lauthals über die "verwirrende Umgruppierung des Warenangebots" echauffierte. Später bemerkte er, dass er sich in der Tür geirrt hatte.

Ich musste mir schnell eingestehen, dass auch ich mehrere seiner Figuren in mir trage

Wer sich also fragt, woher dieser große Humorist seine Komik eigentlich nimmt, findet vielleicht in sich selbst eine Antwort. Oder um die Ecke, im Nachbarhaus oder sogar im Späti Greifswalder Ecke Danziger: Guten Tag, mein Name ist Lohse und ich kaufe hier ein. Oder wie war das neulich, als mein werter Freund mir zum dritten Mal dieselbe Frage stellte und ich auf meine Antwort ein "Jetzt sei doch nicht gleich so aggressiv" hören musste, einmal tief einatmete und voller Inbrunst schrie: "Ich bin doch nicht aggressiv!". Als ich den Beitrag zum Tod von Loriot plante, musste ich mir schnell eingestehen, dass auch ich mehrere seiner Figuren in mir trage. Und auch in meinen Freunden, meiner Familie und vielen meiner Mitmenschen erkannte ich plötzlich Erwin Lindemanns, Müller-Lüdenscheidts und Heinrich Lohses.

Was bleibt ist die Erkenntnis: Komik steckt überall
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