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Für *Agnostiker

Karriere? Kind!

21. August 2011
Von Anja Bossow

Anja aus Hamburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Anja
autor@tonic-magazin.de

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Verheiratet mit Anfang zwanzig, Kinder und Herd? Ihr zweiter Besuch einer mormonischen Messe macht Anja bewusst, wie sehr sich ihr Leben von dem eines jungen Mormonen entscheidet.

Ethan aus Utah erzählt von seiner Dankbarkeit für das Geschenk der Mission.

Ethan aus Utah erzählt von seiner Dankbarkeit für das Geschenk der Mission.

Es ist ein Porsche Cayenne, der vor der Kirche hält. Eine Familie mit drei kleinen Kindern steigt aus, die zwei Mädchen in Kleidern mit Schleifchen im Haar, der kleine Junge im Anzug. Bei mir ist es wieder bei der schwarzen Jeans mit Bluse geblieben. Mehr hat mein Kleiderschrank einfach nicht hergegeben, zumindest nicht in der erwünschten Länge. Knielang- mit meinen 1,60 wird meine Silhouette dadurch pilzförmig und dafür bin ich dann doch zu eitel. Eitelkeit- so etwas soll es unter den Jugendlichen nicht geben der Kirche zufolge. Nicht die äußere Schönheit, die innere zählt. Schöner Vorsatz, aber wenn ich mir die Jugendlichen ansehe, dann scheint niemand Mascara, Puder und Lippenstift so sehr abgeneigt. Aber hier scheinen Wiedersprüche keine Seltenheit zu sein, wo Biologen und Evolutionsleugner Hand in Hand gehen.

Vor Glück weinende Menschen gehen einem auf Dauer an die Nieren.

Schwester Mirja begrüßt mich herzlich und stellt mich ihrer Familie vor. Ich werde zwischen Mutter Sabine und Oma Beate platziert, beide genauso pfundig wie herzlich. Die Kirche ist voller als letztes Mal. Es sind mehr Kinder und Jugendliche da. Sie stellen heute die Messdiener, teilen das Toastbrot aus und verlesen die Segnungen. Der Gottesdienst beginnt und geht vorüber. Ich preise Jesus, versuche den Heiligen Geist zu spüren, höre Texanern, Österreichern und Missionaren zu, warum diese Kirche so toll sei. Es ist heute weniger persönlich, sondern mehr eine Lobhudelei. Doch obwohl ich von Grund auf ungläubig bin, ist es mitreißend. So befremdlich es auch wirkt, vor Glück weinende Menschen gehen einem auf Dauer an die Nieren. Zumindest lässt es mich tatsächlich zuhören. Natürlich geht es viel um Erleuchtung, Erlösung, die Richtigkeit der Lehre und dem Vorsatz, andere zu dieser Kirche zu bekehren.

Kind geht vor Karriere im mormonischen Frauenbild.

Heute spricht Ethan aus Utah, der vor einigen Jahren in dieser Gemeinde missioniert hat. Er ist jetzt zurückgekehrt mit seiner hochschwangeren Frau und erklärt uns in fließendem Deutsch seine Dankbarkeit für das Geschenk der Mission. Ethan ist höchstens Mitte zwanzig, ein Alter, in dem ich wahrscheinlich noch mitten im Studium stecke, ohne Geld, feste Zukunftsplanung, geschweige denn Ehemann und baldiger Geburt. Aber bei den Mormonen hat die Familie obersten Stellenwert. Keuschheit vor der Ehe und nach der Vermählung eine baldige Vermehrung, damit die Erde mit den Kindern Gottes bevölkert wird. Es sind eigentlich gute Grundsätze, die gepredigt werden: Die Eltern sollen ihre Kinder umsorgen, sie lieben und achten, sie gutes Benehmen lehren und ihnen Wissen vermitteln. Aber es ist auch ein sehr konventionelles Familienbild. Der Vater kümmert sich um die Versorgung, geht arbeiten und "präsidiert" über die Familie, während die Mutter sich hauptsächlich um die Kinder kümmern soll. Kind geht eindeutig vor Karriere.

Innere Gelassenheit statt offene To-Do-Liste
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