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Für *Musikfanatiker

Crosses ✝✝✝ – EP ✝

23. August 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Eingentlich wollten sie nur Spaß haben, herausgekommen ist etwas Großes. Deftones-Frontman Chino Moreno und sein Projekt ✝✝✝ mit ihrer ersten EP "✝"

✝✝✝ – EP ✝

Was bitte ist DAS?

Ein auf Generation Web 2.0 umgeschustertes erzkatholisches Gesangsbuch?

Eine auf das Persiflieren des Christentums ausgerichtete Kunstcollage?

Das Cover eines Films über kirchlichen Exhibitionismus?

Nein, liebe Leute. Es handelt sich hier um das schmucke Cover der ersten EP von ✝✝✝ aka Crosses, was wiederum ein mehr oder weniger bescheidenes Nebenprojekt des Deftones-Sängers Chino Moreno ist.

Moreno selbst hegt scheinbar keine weitläufigen Ambitionen, wenn es um sein neues musikalisches Kind geht. Man habe weder vor, groß zu touren noch dickere Alben zu veröffentlichen. Höchstens mal die eine oder andere EP wahrscheinlich kostenlos im Internet veröffentlichen und möglicherweise die ein oder andere Platte in der einen oder anderen Stadt zu spielen. Das Bild, das um ✝✝✝ aufgebaut wird, lässt sich ganz klar als das eines Projektes definieren, welches allein ob des Spaßfaktors besteht und keinerlei anderen Nutzen hat. Ob dies nun der Wahrheit entspricht oder nicht; es macht den Künstler zweifelsohne relativ immun gegen Musik-Kritik – will man mit dem Endprodukt doch eh weder Ruhm noch Ehre erlangen – und steigert gleichzeitig den Sympathiegrad bei den Rezipienten: Dass die Tracks verschenkt werden und man scheinbar keinen kommerziellen Nutzen ziehen möchte, freut so manchen User. Die unbeschwerte Herangehensweise findet sich nun auch in der Musik selbst wieder.

"✝" ist minimal, elektronisch, schlicht gestrickt. Aber trotzdem bleibt und ist das Ganze extrem spannend. "✝" könnte als erwachsen gewordene Teenie-Musik bezeichnet werden. Immer noch da sind simple, eingängige Melodiebögen und eine Menge Liebessongs inklusive der klischeehaften Anrede "baby" am Zeilenende ("✝hholyghs✝" ("The Holy Ghost")). Normalerweise läuft Rock mit diesem gewissem Pop- und Mainstreamfaktor häufig Gefahr, nicht reif genug und zu sehr nach Charts zu klingen, sodass man ihn ab einem gewissen (meist schnell eintreffenden) Punkt einfach totgehört hat. Auf "✝✝✝" sind die Tracks einprägsam und simpel gestrickt, das schon. Trotzdem klingen sie aber nicht zu beliebig, sondern atmosphärisch im nicht-klischeehaften Sinne. Den Schlüssel zu diesem Ergebnis liefert einmal wieder eine gewisse Portion Lo-Fi. Es knallt und geht nach vorne los, wie etwa im Opener "✝his Is A ✝rick", doch der knackig durchproduzierte Studiosound wird von einem Knistern, Rauschen und Knartschen begleitet. Man könnte sich auf einem Friedhof bei Nacht inmitten eines Horrorfilms befinden, wo keine gänzliche Stille herrscht, weil das eigene Herz das Blut übermäßig Laut pulsieren lässt und ein leichter Wind die Baumwipfel zum Rascheln bringt. Der Effekt: Entfremdung einerseits, schöne, fast schon kitschige Melancholie andererseits. Der Einfluss von elektronischen Elementen steuert eine wohlige Kühle bei, kann aber auch sehr warm, holzig und basslastig klingen ("✝hholyghs✝"), defragmentierte Lyrics schaffen zeitweise eine traumwandlerische Stimmung ("Bermuda Locke†"). Was das "Teufel/Kirche/Religion"-Label der signifikanten Kreuze angeht, verhält es sich ähnlich wie mit der Musik: Erwartungen werden erfüllt, aber nicht so, wie sie anfangs vielleicht aussahen.

Sakrale Klangteppiche existieren definitiv, der Bezug zur Kirche findet sich in allen Songtiteln wieder und auch von Geistern ist die Rede ("✝hholyghs✝). Allerdings sind erstere elektronisch, zweiter und dritter Punkt eine Metapher.

Auf die Spitze getrieben wird der Bruch mit den Erwartungen am Ende der EP: Das gesangslose "✝" ist mehr In- als Outro: Es wird Spannung aufgebaut; der Track geht vom piano ins forte, nicht umgekehrt. Eine perfekte Überleitung zur nächsten EP? Auf die jedenfalls dürfte man gespannt sein. Zu hoffen ist auf jeden Fall, dass die Band, die laut Moreno genau so klingt wie alles, was er privat so hört, keine geringe Halbwertszeit hat. Dafür ist das Ganze einfach zu schön und nostalgisch.

 

Interpret: Crosses

Albumtitel: Crosses EP

Erscheinungsdatum: 2. August 2011

Label: Self Released


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