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Für *Dubstepper

Zomby – Dedication

11. Juli 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
[email protected]

Hannah Seichter

Das Phantom und sein neuester Streich: zwischen Dubstep, Dancehall, Grime und undefinierbaren Samples.

Zomby? Google – Zombie – erster Treffer: Wikipedia.

Das Wiki-Welt-Lexikon definiert "Zombie" als "die fiktive Figur eines zum Leben erweckten Toten (Untoter) oder eines seiner Seele beraubten, willenlosen Wesens". Okay.

Im Falle von Zomby liegt der Verdacht nahe, dass es eben diese seine Seele ist, die er um jeden Preis schützen will – Name und Wohnort werden konsequent geheim gehalten, bekannt ist nur, dass der Produzent und Dubstep-Musiker aus England kommt und 2007 seine ersten musikalischen Gehversuche machte.

In Zeiten von Studi-VZ und Global Player Facebook, wo Exhibitionismus allerorts gelabt und geatmet wird, wirkt ein solcher Auftritt befremdlich.

Und dennoch ist der Herr auf Myspace und Last.fm zu finden, allerdings stülpt er sich vornehmlich Dinge (Kapuzen, ein Leinentuch, Shirtsäume, die eigenen Hände) über bzw. vor das Gesicht oder tritt mit Maske auf. Ob das nun eine geschickte contraversive Marketingstrategie ist, das Wahren der Privatssphäre oder der Versuch, die Musik im Mittelpunk zu stellen, bleibt dahingestellt. Fakt ist: Zomby ist mysteriös, ein Phantom gewissermaßen.

So unnahbar wie seine Präsentation ist jedenfalls auch Zombys Musik.

Unpersönlich und klinisch wirken Sythieflächensounds und auch seine Stimme scheint er lieber verbergen zu wollen; sollte doch einmal ein Stimmeinsatz auftauchen, tut er es nur entfremdet.

In "Natalia's Son" wird das weibliche Stimmsample erst merklich verfremdet, um es anschließend als breakbeat-artiges Rhythmuselement zu instrumentalisieren. Verzögerte oder unvorhergesehene Betonungen durchbrechen einen gradlinigen Melodiefluss zusätzlich.

Und doch ist da zugleich eine unterschwellige Intimität. Etwa so, wie wenn man es als User mit Recherchedrang doch einmal schafft, eine Gesichtssilhouette zu identifizieren, um ein mehr oder minder konkretes Bild des Mannes aus Great Britain entstehen zu lassen: Es kommt unweigerlich das Gefühl auf, in eine sehr private Sphäre eingedrungen zu sein oder das No Trespassing-Schild hinter sich gelassen zu haben und auf fremdem Territorium umherzuschreiten. Spannend ...und manchmal unbehaglich.

Hat man doch das gesehen, was eigentlich im Dunkeln bleiben sollte und unterbewusst das Bedürfnis erfüllt, sich dem Menschen Zomby anzunähern. Auf der klanglichen Seite ist es vor allem der Subbass, der diese Illusion des Nahen schafft, den Hörer einwickelt und den scharfen Elementen (ob das jetzt ein zur Unkenntlichkeit beschleunigtes, tippendes Hi Hat-Sample oder Pistolenschüsse sind) entgegenspielt. Konstruiert wird ein sehr reduzierter, mehr schwebender als fließender Sound und so ist es nicht verwunderlich, dass Zomby Burial zu seinen engen Verbündeten zählt, sind dem Londoner Dub Step Künstler doch eben diese Charakteristika eigen.

Dass "Dedication" nicht an einem vagen Punkt stehen bleibt, liegt an dezent eingestreuten aus Dancehallnuancen ("Lucifer"), dem von jamaikanischen und karibischen Rythmen beeinflussten Grime ("Things Fall Apart"), oder aber ihren Gegenspielern: organischen Sounds wie Cello und Klaviersampels am Ende des Albums. Hier wird einmal mehr deutlich, dass es immer diese Ambiguität war, die elektrische Musik erst spannend gemacht hat.

Dedication lässt viele Freiräume, gerade weil Soundelemente oft derart sparsam eingesetzt werden. Oder aber umgekehrt: In einem solchen Überfluss, dass jedes neue Soundelement plötzlich zur Explosion wird. Dazwischen bleibt Zeit, um sich sein eigenes Bild zur Musik zusammen zu malen. Wie Wissenschaftler vom Dartmouth-College in Hanover, New Hampshire, herausfanden, denkt das Gehirn angefangene Melodien automatisch zu Ende, vervollständigt sie gewissermaßen. Das Ergebnis seien Ohrwürmer. Man könnte Zomby's Vorgehen also auch als einen Versuch betrachten, den Hörer selbst seine eigenen Ohrwürmer bauen zu lassen; Musiker und Rezipient werden beide in den musikalischen Schaffensbrozess involviert.

Zomby's Klangkonstrukt ist kein reiner Dubstep. Trotzdem folgt es den Wurzeln dieses Genres, das heißt, noch bevor das durch Englands "Elektrowunderkind" James Blake geformten Präfixes "Post" auftauchte, das es zum Mainstream machte. Bedient sich Herr Balke vornehmlich Klang-Leerstellen (also Pausen in der Musik, wo wirklich NICHTS zu hören ist), um Raum zu schaffen und trotz massenhafter Pop-Strukturen vor der Grenze zum Nicht-Experimentellen stehen zu bleiben, hat "Dedication" dies gar nicht nötig. Eben weil auch so im Verlauf aller Tracks und damit der gesamten Platte erreicht wird, dass der Hörer assoziieren und (Träume) spinnen kann. Genau das ist es schließlich, was den altbekannten Dubstep ausmacht.

In Zeiten, wo Dubstep/Minimal/Ambient nicht mehr nur in den kleinen englischen Clubs gespielt werden, sondern "en Vogue" sind (selbst Radiohead bedienen sich auf ihrem neuesten Werk "The King Of Limbs" Subbass-Klängen), springt Dedication" auf den Zug der zunehmend populärer gewordenen Genres auf. Aber das, ohne sich in einem einzelnen zu verheddern oder einem Phantom nachzujagen. Die sichtbare Form – das, was mit Sicherheit zu erkennen ist – bleibt der alte Dubstep, alles andere ist und bleibt ein nebulöser Unbekannter.

 

Interpret: Zomby

Albumtitel: Dedication

Erscheinungsdatum: 12. Juli 2011

Label: 4 AD Records


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