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Für *Straßenkämpfer

Wir sind Feinde, aber wir müssen reden

10. Juli 2011
Von Fabian Stark

Das Wohnzimmer der Familie Tobassi. An der Wand über dem Sofa hängt ein postergroßes Foto ihres Sohnes Shadi.

Das Wohnzimmer der Familie Tobassi. An der Wand über dem Sofa hängt ein postergroßes Foto ihres Sohnes Shadi.

Ihr musstet die Tobassis dazu überreden, vor dem Besuch die Bilder von Shadi im Wohnzimmer abzuhängen.

Jule: Nicht überreden, es war wie ein Vorschlag. Yaël hätte das erste Mal dem Mörder ihres Mannes ins Gesicht schauen müssen.

Stephanie: Als ich am Morgen des Treffens da war, hing es noch an der Wand. Ich bin mit dem Vater zur Moschee gelaufen, weil er vorher noch einmal beten wollte. Als wir wiederkommen sind, war das Bild ausgetauscht. Das war Frau Tobassi.

Yaël: Während der Mann gebetet hat?

Stephanie: Ja.

Yaël: Das wusste ich nicht.

Zakaria Tobassi betet in der Jeniner Moschee

Zakaria Tobassi betet in der Jeniner Moschee

Was hing stattdessen dort?

Stephanie: Ein Auszug aus dem Koran.

Yaël: Eine stille, aber starke Geste. Als wir uns im Februar zur Berlinale getroffen haben, im Hotel, war das vielleicht noch wichtiger als das Treffen in Jenin. Zakaria hat mir auf seinem Handy alle Bilder seiner Familie gezeigt. Plötzlich war Shadi auf dem Bildschirm, er ist schnell zum nächsten Bild gegangen, und ich sagte: Nein, das ist Ihr Sohn. Er war erstaunt, ist wieder zurückgegangen und war ganz still. Am gleichen Tag habe ich ihn gefragt: Weißt du, dass dein Sohn am gleichen Tag geboren ist wie mein Mann, dem 8. März? Wir haben beide angefangen zu weinen. Diese Momente, dieser echte Blickkontakt zwischen uns, sind sehr wichtig.

Zakaria bezeichnet Sie als eine Freundin der Familie. Wie sieht euer Kontakt im Moment aus?

Stephanie: Yaël kommt schwer nach Palästina, die Tobassis haben ihren israelischen Pass nach dem Attentat verloren, es gibt bürokratische Probleme sich zu treffen. Deswegen war Berlin zur Berlinale, ein Treffen auf unabhängigem Boden, auch gut. Das ist natürlich absurd, weil Jenin und Haifa nur 40 Kilometer auseinander liegen.

Könnt ihr noch einmal vom Treffen in Jenin erzählen?

Yaël: Für mich war es wichtig, dass wir nicht nervös waren. Niemand war aggressiv oder hat jemandem Schuld gegeben. Dovs Sohn Yoav hat von seinem Vater erzählt, dass er gekämpft hat sein ganzes Leben. Mein Mann Dov hat gesagt: Wir sind Feinde, aber wir müssen miteinander sprechen. Niemand ist ein unbeschriebenes Blatt. Jeder hat Vorurteile, aber wichtig ist, zuzugeben: Ja, ich habe Vorurteile: Das weiß ich. Aber ich will lernen.

Stephanie Bürger, Yaël Armanet-Chernobroda und Jule Ott nach dem Interview

Stephanie Bürger, Yaël Armanet-Chernobroda und Jule Ott nach dem Interview
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Der Film "Nach der Stille"

Nach der Stille ist gerade auf Tour durch Deutschland, die nächsten Termine sind in Freiburg, Frankfurt und Baden-Baden. Der offizielle Kinostart ist am 22. September.


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