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Für *Straßenkämpfer

Wir sind Feinde, aber wir müssen reden

10. Juli 2011
Von Fabian Stark

Zakaria Tobassi zieht sich die Schuhe aus, nachdem er von der Moschee nach Hause gekommen ist.

Zakaria Tobassi zieht sich die Schuhe aus, nachdem er von der Moschee nach Hause gekommen ist.

Gab es auch diesen Punkt: Yaël, jetzt kannst du sie anrufen?

Jule: Nein. Aber es kam der Punkt, wo wir gesagt haben: Wir fahren nach Haifa, dort gibt es eine Frau, die ihren Mann verloren hat. Wir haben ihm noch nicht gesagt, dass sich Yaël vielleicht bei ihm melden will. Wir waren Vermittler und wollten nichts vorwegnehmen. Aber Yaël wusste, dass sie nicht ins Schwarze fährt und wer am anderen Ende den Telefonhörer abnimmt.

Yaël: Jule und Steffi haben mich gefragt: Was wirst du sagen? Ich wusste es nicht. Nach dem Anruf habe ich angefangen zu weinen, ich konnte nicht aufhören, da haben Jule und Steffi die Kamera runter genommen und mich getröstet. Sie waren nicht nur Regisseurinnen, sondern echte Freundinnen. Manche haben gefragt, ob das ein richtiger Anruf war, aber ich bin keine Schauspielerin.

Jule: Ich glaube, es hat viele Leute beeindruckt, dass Yaël und die Tobassis vor der Kamera so aufgegangen sind. Auch der Vater Zakaria, das Familienoberhaupt, weint, als er von seinem Sohn redet. Das Vertrauen liegt sicher auch daran, dass wir statt 19 Drehtagen 6 Monate hatten.

Am Anfang war noch die Frage nach dem Warum wichtig: Warum hat Shadi das getan? Diese Frage ist langsam verschwunden, oder?

Stephanie: Nein, sie ist nicht verschwunden, aber wir wollten mit dem Film keine Antwort darauf geben. Im Film haben wir eine stille Rolle. Wir sind nicht die, die Fragen stellen, sondern die, die ein Ohr bieten. Wir zeigen im Film auch etwas über die Geschichte der Stadt Jenin und die der Familie, die Angriffe, wir wollen aufzeigen, in welchem Klima dort Kinder groß werden. Aber wollen nicht sagen, dass einen dies und das zum Selbstmordattentäter macht.

Ja, das wäre anmaßend.

Yaël: Das ist auch wichtig für das Publikum – wenn Leute diesen Film sehen, bleiben sie mit Fragen – nicht mit Antworten. Sie lernen mit diesem Film, dass die Dinge nicht so einfach sind, etwa dass die Israelis so sind und die Palästinenser so, wer Opfer und wer Täter ist.

Die Mutter von Shadi Tobassi, Nadije Tobassi, und Yaël Armanet-Chernobroda laufen Hand in Hand durch Jenin.

Die Mutter von Shadi Tobassi, Nadije Tobassi, und Yaël Armanet-Chernobroda laufen Hand in Hand durch Jenin.

Kann der Film Menschen zusammen bringen?

Yaël: Als wir in Jenin waren, war ich dort mit Bluma, meiner besten Freundin, Yoav, dem ältesten Sohn meines Mannes, Nir Oren und Ali Abu Awwad. Nir ist der Vorsitzende der israelisch-palästinensischen Gemeinschaft für Leute, die ihre Verwandten im Krieg verloren haben. Ali ist deren palästinensischer Sprecher, und er hat mich gefragt: Was erwartest du von diesem Treffen? Ich sagte: Überhaupt nichts – Man wird es sehen. Heute treffen wir uns, unsere Träume sind für morgen bestimmt. Für einen Palästinenser ist es wichtig zu wissen, dass es solche und solche Israelis gibt. Und es ist mir wichtig zu wissen, dass sie es wissen.

Jule: Fakhri, unser Produzent, dachte als Kind, dass das hebräische Wort für "Soldat" Jude bedeutet. Es gibt keinen anderen Kontakt zu einem Nachbarvolk als über das Militär. Für ihn ist es irre, dass Leute kommen, die anders denken. Ich glaube, man kann mit so einem Film etwas verändern – mit einem Klima, in dem etwa bei den Jeninern etwas in den Köpfen entstehen kann. Der Konflikt ist sehr von Schlagzeilen geprägt, egal auf welcher Seite. Eine persönliche Geschichte ist anders.

Yaël: Man kann immer sagen, man sei naiv: Mein Mann tritt sein Leben lang für den Dialog ein und wird trotzdem von einem palästinensischen Attentäter in die Luft gesprengt. Aber ich glaube, dass Naivität auch eine gute Sache ist. Als ich mit Frau Tobassi durch Jenin gegangen bin, wollte ihre Enkelin meine Hand halten, aber sie hatte Angst. Sie hat ihren Vater angesehen und mit dem Blick gefragt: Darf ich? Er hat ihren Blick erwidert und "ja" gesagt. Ich war gleich nicht mehr der Teufel. Sie war acht Jahre alt und hat auf einmal anders gedacht – oder gefühlt.

Wie das Bild des Attentäters von der Wand verschwand
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