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Für *Straßenkämpfer

Wir sind Feinde, aber wir müssen reden

10. Juli 2011
Von Fabian Stark

Yaël, die ihren Mann bei einem Selbstmordanschlag verloren hat, besucht 8 Jahre später die Familie des Attentäters – sie will sie nicht etwa zur Rede stellen, sondern sucht die Verständigung. Jule und Stephanie drehten einen Film darüber.

Yaël Armanet-Chernobroda, Witwe des ermordeten Friedensaktivisten Dov Chernobroda, und die Mutter des Attentäters, Nadije Tobassi, im Haus der Familie Tobassi.

Yaël Armanet-Chernobroda, Witwe des ermordeten Friedensaktivisten Dov Chernobroda, und die Mutter des Attentäters, Nadije Tobassi, im Haus der Familie Tobassi.

Shadi Tobassi betritt am 31. März 2002 ein Restaurant im israelischen Haifa und zündet seinen Sprengstoffgürtel. Er reißt 15 Menschen mit in den Tod, darunter Dov Chernobroda, einen israelischen Friedensaktivisten – Seine Witwe Yaël will seine Botschaft weitertragen und entschließt sich 8 Jahre später die Familie des Attentäters zu besuchen. Auf diesem aufwühlenden Weg begleiten sie Jule Ott und Stephanie Bürger, zwei Dokumentarfilmerinnen, die 2 Wochen nach ihrem Studien-Abschluss inTübingen den Flieger nach Tel Aviv nehmen, um ihren ersten Film zu drehen: Nach der Stille. Für Yaël ist die Geschichte nach dem Dreh nicht vorbei, wie sie im Interview sagt, sie will weiter Araber und Israelis dazu bringen, aufeinander zuzugehen. Auch Jule und Stephanie glauben, dass ihr Film Menschen zum Umdenken bewegen kann.

Jule, Stephanie, die ersten 3 Monate eurer Arbeit habt ihr in Jenin im Westjordanland verbracht, wo die Familie des Attentäters Shadi Tobassi wohnt. Musstet ihr so lange Vertrauen aufbauen?

Jule: Unser großes Glück war die lange Zeit, die wir hatten. So konnten wir uns der Familie Tobassi langsam annähern – mit Hilfe von Fakhri, unserem Produzenten, und Manal, unserer Co-Regisseurin, die für uns die Sprachbarriere überwunden hat. Die Familie Tobassi wusste zu Beginn auch nichts von Yaël, das kam erst Schritt für Schritt.

Die Tobassis wussten nicht, dass Yaël sie treffen will?

Jule: Nein, anfangs nicht. Das war für uns ein ganz spannender Moment: Den Vater Tobassi, Zakaria, zu fragen, was er davon hält, dass Yaël kommt. Da wurde klar, ob das Treffen steht oder fällt. Aber er hat sofort gesagt: Wenn sie zu Frieden bereit ist, dann bin ich das auch. Sie ist bei uns willkommen. Das war uns eine riesige Erleichterung.

Yaël Chernobroda und Zakaria Tobassi in Jenin im Westjordanland

Yaël Chernobroda und Zakaria Tobassi in Jenin im Westjordanland

Ihr habt Zakaria auch gefragt, ob er etwas vom Plan seines Sohnes geahnt hat. War das ein Rückschlag?

Stephanie: Ich weiß nicht, ob die Frage ein Rückschlag war. Doch es war eine wichtige, aber auch gefährliche Frage, denn wenn sie was geahnt hätten, müssten sie mit Konsequenzen rechnen. Der Vater hat uns aber geantwortet: Sein Sohn hat sich an diesem Tag zur Arbeit verabschiedet, wie sonst auch, nachmittags haben sie es dann in den Nachrichten gehört. Wir haben ihm das absolut geglaubt.

Jule: Und so, wie die Familie immer noch unter Schock steht, sind wir uns sicher: Die haben das nicht gewusst.

Ihr seid direkt von der Uni nach Israel gefahren, kanntet weder die arabische Kultur, noch die Sprache. Wie schnell und einfach konntet ihr einsteigen?

Stephanie: Einfach war es nicht, aber schnell. Weil wir nicht ohne Bezugspunkt in die Stadt gekommen sind. Es gibt dort das Cinema Jenin, welches der deutsche Regisseur Marcus Vetter, unser Dozent an der Uni, mit aufbaut, und viele in der Stadt arbeiten mit. Mit Hilfe der Volontäre konnten wir recht schnell in der Stadt Fuß fassen, über drei Ecken haben wir dann Kontakt zur Familie Tobassi bekommen.

Der entscheidende Anruf in der West Bank
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