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Für *Musikfanatiker

Talking To Turtles – Oh, The Good Life

25. Juli 2011
Von Hannah Seichter

Hannah aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Hannah
autor@tonic-magazin.de

Hannah Seichter

Schildkröten mit Wollmützen – made in Germany. Talking To Turtles und ihr Neuling "Oh, The Good Life"

Schildkröten im Bandnamen? Was sich ziemlich ungewöhnlich anhört, ist nicht nur eine gute Marketingstrategie, um sich von anderen Akteuren auf dem Musikmarkt abzusetzen, sondern äußerst passend. Das junge Singer-Songwriter-Wohnzimmer-Pop-Duo aus Berlin sieht nicht nur süß aus, sondern ist es auch. Das wird spätestens auf den Promofotos klar, die zwei Mittzwanziger mit Wollmützchen und knallig blauer Wand als Background zeigen. Langsam, aber sicher keimt die Vermutung auf, dass Musik und Uhren hier noch etwas anders, etwas privater und kammermäßiger ticken. Florian Siervers und Claudia Göhler alias Talking To Turtles nahmen 2010 ihr Debütalbum Monologue im WG-Zimmer auf. Das klang dann leider auch so. Doch wo anfangs noch an zu schlechter Produktion herumkritisiert wurde, hat man beim Neuling Oh, The Good Life eindeutig mehr in Selbige investiert: Die Drums klingen plastisch und klar, und überhaupt hört sich das Endprodukt wie ein Konzerterlebnis in einer klitzekleinen Venue um die Ecke an. Das hier ist Musik für den kleinen Auftritt, die sich zwar nicht nach großer Show, dafür aber sehr persönlich und nach Kamin, Ohrensessel und Kissenrepertoire anhört.

Es mutet so an, als beträte man mit dem ersten Glockenspiel im Opener "In The Future" eine eigene isolierte Welt. Die Protagonisten sitzen (den Track "A Car Beer Cigarettes" ausgenommen, da gibt es auch mal Alkoholisches) mit anständigem Tee da und schaukeln versunken hin und her, während sie unverschämt einprägsame Melodiebögen produzieren.

Es geht um heile Beziehungen und das Überwinden von Nachmittagsdepressionen. Richtig: Das ist sehr nah dran am Kitsch, besonders wenn Claudia ihre "oohs" und "aaahs" von sich gibt. Sievers kleine, wuselige und bebrillte Kumpanin hat ein kindliches, fast schon piepsiges Organ und sieht dabei aus wie eine Reinkarnation aus Astrid Lindgrens Kinderromanen. Eigentlich müsste sie Lotta heißen, auf einem klapprigen Fahrrad durch Schweden fahren und ihre Mitmenschen mit Streichen ärgern. Das ist zwar nicht der Fall, aber man könnte behaupten, dass das Nerven akustisch zumindest ansatzweise zutrifft, denn allein wäre ihre Stimme wohl nur Menschen mit sehr viel Geduld oder harten Nerven zuzumuten. Ehe es aber richtig weh tut, stoppt die Platte kurz vor der magischen Grenze. Haarscharf, bevor es zu viel wird mit diesem braven Sound, hilft das simple und altbewährte Werkzeug der Melancholie aus dem drohenden Dilemma.

Klangtechnisch übersetzt ist es Florian Sievers gebrochene, leicht weinerliche Stimme.

Florian und Claudia sind Talking To Turtles.

Florian und Claudia sind Talking To Turtles.

Claudia aber ist es größtenteils zu verdanken, dass Talking To Turtles nicht nach sentimentalem Singer-Sogwriter, sondern persönlich und warm klingen. So gegensätzlich die Stimmen der Turtles auch sind, so gut ergänzen sie sich und so macht man die paradoxe Erfahrung, dass bei diesem nervenaufreibenden Stimmchen irgendwann doch der Punkt kommt, an dem man Claudia einfach nur Knuddeln möchte. Die Frau hat zwar alles andere als Stimmvolumen, ist dafür aber neben dem verspielten Aufeinandertreffen der Drumsticks und den federnden Rhythmen maßgeblich für den unbeschwerten und unangestrengten Klang der Band verantwortlich. Weniger ist manchmal mehr; das einzige, was es bei den meisten der Songs braucht, um Spannung aufzubauen, ist das Zurückfahren der Instrumentierung auf nur einen repetitiven Ton auf dem Klavier oder zwei abgedämpfte Gitarrensaiten ("A Car Beer Cigarettes").

Leider aber vermisst man oft eine Explosion, einen Höhepunkt, der etwas energischer ausfällt als eine schrabbelnde Gitarre oder ein langgezogener, etwas lauterer Gesangspart. Ein Grund dafür, dass dieses Album wohl am besten in kleineren Dosen und den passenden Momenten zu genießen ist.

Oh, The Good Life sollte man dann hören, wenn es draußen in Strömen regnet – was übersetzt heißt, dass man die Scheibe in diesem Sommer gar nicht mehr aus dem CD-Fach befördert bekommen dürfte – oder die ersten Blätter purzeln. Berücksichtigt man dies bei der Anwendung der Platte, mag es einem ein verschmitztes und verträumtes Lächeln auf den Mund zaubern. Alles zu seiner Zeit.

 

Interpret: Talking To Turtles

Albumtitel: Oh, The Good Life

Erscheinungsdatum: 19. August 2011

Label: DevilDuck


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