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Für *Facebookjunkies

Netzwerk der Halbmenschen

2. Juli 2011
Von Gustav Beyer

Gustav aus Münster ist Autor bei TONIC

Texte von Gustav
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Gustav Beyer

Gustav sitzt alleine im Café. Alleine? Von wegen. Der Laptop ist sein Fenster zur Parallelwelt Facebook – und da warten ganze 246 Freunde auf ihn.

Katharina ist eben duschen, Henrik macht Facharbeit. Gustav gefällt das.

Katharina ist eben duschen, Henrik macht Facharbeit. Gustav gefällt das.

Heute will ich auch mal cool sein. Nicht nur irgendwie cool, sondern mindestens genauso cool wie die Bewohner meiner Freundesliste bei Facebook. Ich hab schon 246 Freunde, das spricht für echte Beliebtheit – und die lebe ich jetzt aus. Heute sitze ich nämlich nicht mit meinen Realhomies auf irgendeiner Parkbank, auch nicht mit einem Mädel im Eiscafé , sondern single in einer angesagten Location in der Dortmunder City. Schlepptop vor mir, Facebook aufgerufen. Und siehe da:

Ich bin verdammt cool. Ein überteuerter Vanilleshake steht da, wo sonst die Maus weilt. Mein Gehirn ist fixiert auf die Listenrealität auf dem Bildschirm. Henriette ist "am See chilln mit Kai", der Lara gefällt das. Sie selbst hat ihr Fotoalbum um das Abbild eines Zwei-Meter-Hechts erweitert, den sie zusammen mit Jonas (die beiden sind verlobt, wie ich gerade feststelle) aus dem See gefischt hat. Sonst? Nix Neues. Keine banalen Nachrichten, keine neuen Freundschaftsanfragen. Henrik diskutiert über seine anstehende Facharbeit. Seit 14 Stunden ohne Gesprächspartner. Ich zeige solidarische Herzlichkeit und erhebe den Daumen. "Mache gerade Facharbeit xD". Das gefällt mir.

Bestätigen und bestätigt werden

Ein Blick auf den Tacho verrät: Gustav hat mal wieder 23 Minuten seiner Lebenszeit verplempert, um zu erfahren, dass es nichts zu erfahren gibt. Aber: Mein Sexappeal steigert sich in unendliche Weiten, denn ich bin a) mit Notebook bei Facebook online und dadurch auch außerhalb gewohnter Zeiten für die sechs Freunde erreichbar, die gerade auch da sind, und b) voll im Rausch der Zeit, denn nahezu unbegrenzte Erreichbarkeit ist modern. Es ist ein Geben und Nehmen: Es macht Spaß, grüne Online-Punkte zu beobachten. Gleichzeitig freuen sich andere über meine Anwesenheit. Bestätigen und bestätigt werden, Anerkennung erfahren und weitergeben: Facebook-Mark wird sich dabei wohl was gedacht haben.

Schidde, mein Vanilleshake wird warm. Ist schon warm. 30 Minuten sind seit dem Login verstrichen. Während sich Tischgenossen über anstehende Doktorarbeiten, den Sinn der menschlichen Existenz oder die Entwicklung der Kontinentalplattenbewegung unterhalten, sitze ich zusammen mit 675 Millionen Menschen einsam in einer Parallelwelt fest und wundere mich über selbstverschuldete Blödheit. "Freunde finden" wird empfohlen. Soll ich?

Real, Semireal, virtuell – Freundschaften verwirren Gustav
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Kommentare

BloggerAm 2. Juli 2011

246 Freunde sind nach Facebook-Maßstab ja nun wirklich nicht viele :P

GustavAm 2. Juli 2011

... aber im Gustav-Maßstab teuflisch viele, gemessen in wahrer Freundschaft. Zugegeben: Den Beliebtheitsgrad an der Zahl der Online-Kumpels abzulesen, das ist Ironie. Und dennoch werden es täglich mehr! Leute, ich habe am 2. Juli um 23.03 Uhr exakt 265 Freunde. Alle echt! ;)

KatharinaAm 9. Juli 2011

Sensationell! :)

Die Ausdrucksfähigkeit eines Gustav Beyers sollte man haben... das Thema ist old-fashion, aber die Betrachtung mit dem Sexappeal macht Spaß. Mehr davon!! :D