TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Utopisten

Die Freistadt kauft sich selbst

13. Juli 2011
Von Julia Schulte

Julia aus Hamburg ist Autorin bei TONIC

Texte von Julia
[email protected]

Platzhalter

Sowohl vom Inhalt als auch von der Aufmachung des Grundgesetzes von Christiania können sich deutsche Bürokraten eine Scheibe abschneiden

Sowohl vom Inhalt als auch von der Aufmachung des Grundgesetzes von Christiania können sich deutsche Bürokraten eine Scheibe abschneiden

Das klingt alles nach Musterstaat. Trotzdem war Christiania konservativen Politikern lange ein Dorn im Auge. Immer wieder wollten Regierungen die Freistadt dichtmachen. Zum einen lag das natürlich an der rechtswidrigen Besetzung des Geländes. Zum anderen sind aber auch einige Grundregeln der Christianiter nicht mit dänischen Gesetzen vereinbar, insbesondere die Legalisierung von Cannabis. In den vergangenen Jahren kam es immer wieder zu gewalttätigen Konflikten, wenn Drogendealer Christiania als Rückzugsort benutzten. Durch die Straßen der Freistadt patrollierten oft dänische Polizisten.

Christiania bekommt einen Spottpreis im Vergleich zu üblichen Kopenhagener Grundstücks-Preisen

2004 dann der Schock: Die Regierung kündigte die Nutzungsrechte. Die Bewohner klagten. Dieses Jahr entschied dann der oberste Gerichtshof: Die Christianiter haben keine Ansprüche. Die Regierung könnte räumen lassen. Der Traum vom besseren Staat schien ausgeträumt, nach dem Urteil im Februar sprachen die internationalen Medien schon vom Ende des Freistaats.

Doch die Vertreibung aus dem Paradies ist ausgeblieben: Die Behörde machte der Freistadt ein Angebot, das Gelände für umgerechnet 10,2 Mio. Euro zu kaufen – ein Spottpreis im Vergleich zu den üblichen Kopenhagener Grundstückpreisen. Die Vollversammlung der Christianiter nahm an. Nun wollen sie einen Fonds zur Finanzierung gründen.

Nach all den Jahren der Auseinandersetzung mag der Verkauf des Grundstücks durch eine rechtsliberale Regierung – noch dazu weit unter Marktwert – befremdlich erscheinen. Der einfachste Grund dürften jedoch die beträchtlichen Einnahmen sein, die die Freistadt der dänischen Hauptstadt Jahr für Jahr einbringt: Christiana ist nach der Meerjungfrau und dem Tivoli die größte Sehenswürdigkeit Kopenhagens. Das Christiania Bike, ein Transportrad, ist mittlerweile Exportschlager.

Der Marktplatz der Freistadt

Der Marktplatz der Freistadt

Ist der Kauf des Grundstücks also lediglich das Ende vom illegalen Anfang der Freistadt? Wird sich die in anderen Staaten so herbeigesehnte, blühende Demokratie noch besser entfalten können, nun, da die Bewohner nicht mehr bei jedem Regierungswechsel um ihre Wohnstätten bangen müssen?

Das bleibt wohl zunächst abzuwarten, denn eigentlich sind die Christianiter Eigentum gegenüber eher skeptisch eingestellt. Bisher gehörte alles allen – und genaugenommen ja nichts irgendwem. Mit der Legalisierung der Freistadt wächst auch die Verantwortung. Offen ist zudem, wie der dänische Staat in Zukunft mit dem Verkauf von Drogen auf dem Gelände umgehen wird. Privateigentum kann man schlechter von Polizisten kontrollieren lassen als den öffentlichen Raum.

Die Christianiter jedenfalls feierten den Kauf ihrer Freistadt ausgelassen. Christiania wird mit dieser neuen Wendung – ganz nach ihrem Geschmack – ein soziales Experiment bleiben. Dafür ist Veränderung wichtig. Wie man in der Freistadt damit umgeht, wird sich zeigen.


«Seite  1  2

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

Noch keine Kommentare vorhanden.