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Für *Agnostiker

Bewusstlos in der Messe

7. Juli 2011
Von Anna Mayr

Ihr Glaube ist eine universale Ethik, ein unumstößlicher Grundsatz, der in sich schlüssig ist. Das Ganze personifizieren sie in einem netten Mann im Himmel, der über die Einhaltung seiner Grundsätze wacht. Wenn es diesen einen Gott gibt, den sie anbeten, dann macht ihre Lebensform Sinn. Nennt man einen Widerspruch in der Bibel, so wird man hierfür im gleichen Buch auch eine Begründung für genau diesen finden, das wissen sie. Zu beweisen, dass es Gott nicht gibt, ist eben genau so hoffnungslos, wie mit rationalen Argumenten die Existenz Gottes zu stützen.

Wer aber rational denkt, der wird im Gottesdienst der Josua-Kirche vor allem ein Wort nicht los: Sekte.

Vieles hier scheint nicht ganz so harmlos, wie die freundlichen Gesichter es erwarten lassen. Menschen, die in der "Gegenwart Gottes" wie bewusstlos auf den Boden fallen und laut anfangen, zu lachen. Ein Lachen, das sich nicht anhört, als sei es von dieser Welt. Die Erklärung: Wenn zu viel "Geist" in einem ist, dann habe man keine Kraft mehr für den eigenen Körper. Eine Erklärung, die man nicht so ganz verstehen will.

Der Christ an sich setzt einfach alles auf Gott und ist sich sicher, nur zu gewinnen.

Beim Gottesdienst könnte man Angst bekommen, das falsche Leben zu führen. Denn hier ist man von Menschen umgeben, die felsenfest davon überzeugt sind zu wissen, woher die Welt kommt. Es ist die Angst, beim Roulette die Hälfte auf Schwarz und die Hälfte auf Rot zu setzen. Die Angst, dass die agnostische Haltung zu nichts führt: Vielleicht gibt es Gott, vielleicht aber auch nicht. Wenn es Gott gibt, verliert man alles, was man dagegen gesetzt hat. Und fristet die Zeit nach dem Tod in der Hölle. Gibt es ihn aber nicht, verliert man alles, was man dafür gesetzt hat. Und hat wahrscheinlich sein Leben lang an das Falsche geglaubt. Der Christ an sich setzt einfach alles auf Gott und ist sich sicher, nur zu gewinnen.

Am Ende hat man als stolzer Agnostiker zwar den eigenen Anspruch erfüllt, niemandem zu gehorchen, der vielleicht gar nicht existiert. Aber die Sicherheit und das Glück, das ein Gläubiger beim Roulettespiel des Lebens an den Tag legt, erreicht man trotzdem nicht.

Und vielleicht ist es das, was die Josua Kirche eigentlich ausmacht: Jeder hier setzt alles auf Gott. Das ist es auch, was hier jeden dazu bringt, Gäste mit einem Lächeln zu begrüßen. Ja, tatsächlich kommt man aus dem Händegeschüttel und Angelächel gar nicht mehr heraus, sobald man die Gemeinde betritt. Über sein Leben meckern kann hier keiner – schließlich hat Gott es so vorgesehen.

Neulich bat in der Josua Kirche ein junges Mädchen die Gemeinde vorm Gottesdienst um Hilfe. Sie wolle zu ihrem Freund nach Amerika fliegen, habe aber kein Geld für den Flug. Zwei Monate später saß sie im Flieger, das Geld hatte ihr ein älterer Herr aus der Gemeinde gegeben. Er ist davon überzeugt, dieses Geld zehnmal zurückzubekommen. So verspricht Jesus es den Gläubigen in der Bibel.


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Kommentare

BrianAm 7. Juli 2011

Ich fühle mich unweigerlich an zwei Schulkameraden erinnert, die genau so leben und mit denen ich mal ein sehr interessantes, wenn auch ergebnisloses, Streitgespräch geführt habe.

Letztlich begeben sich alle diese Gläubigen jedoch in einen Zirkelschluss: jede Ungereimtheit, jedes naturwissenschaftliche Faktum wird von ihnen damit erklärt, dass es von Gott nun mal so vorgesehen sei – egal ob die Gewalt legitimierende Interpretation der Bibel (in der Geschichte) bzw. des Koran oder die Verbichtung der Juden; alles wird durch Gottes Willen begründet. An dieser Stelle gerät jeder weiterer Diskurs in eine Sackgasse ohne Ausweg. Ähnlich ist es, wenn die Betroffenen von ihren persönlichen Begegnungen mit Gott oder Jesus berichten (Visionen o.ä.) - was soll man dem entgegensetzen?

Man muss den Leuten ihren Glauben lassen, wenn er ihnen Halt gibt im Leben (=individualisierter Glaube), aber die Kirche als übermächtige Institutiom ist und bleibt ein Auslaufmodell! Oder?

FabianAm 7. Juli 2011

Diesen Schicksalsglauben finde ich sehr gefährlich, und dass Gott das Unerklärliche erklärt. Das macht sehr denkfaul, das lähmt, und das gefällt Gott ganz und gar nicht, da bin ich mir sicher. Ich glaube auch, dass es Gott lieber ist, wenn man mit ihm hadert, auch Streit mit ihm sucht, fragt, warum dies und das sein muss, anstatt ihm stets ohne Zweifel "blind vertraut".

UlliAm 9. Juli 2011

Ich stimme euch zu, und die Zeiten der "Kirche als übermächtige Institution" sind in "unserer Welt sicherlich vorbei, zumindest was die politische Beeinflussung der Gesellschaft anbelangt. Die Kirche als Organisation, die Menschen zusammenbringt, ihren Alltag mitgestaltet und Bedürftigen hilft – solange sie niemandem extremistische Haltung aufzwingen will – hat eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft und darf keines werden.

ChrissiAm 11. Juli 2011

Gott ist kein Lückenbüßer-Gott, den Mann noch ungeklärten wissenschaftlichen Fragen vorschieben kann. Auch das Leid und Unheil auf der Welt kann nicht mit Seinem Willen begründt werden. Warum will Er im Gegenteil das Leid gerade nicht? Er hat die Passion und den Tod Jesu durch die Auferstehung in ein Heilsgeschehen verwandelt.

ConnorAm 19. August 2011

Also ich war selber länger Teil einer freikirchlichen Gemeinde.

Und zu Brians Punkt, dass alles Übel mit Gottes Willen begründet wird, muss ich widersprechen. Jegliches von Menschen ausgelöstes Leid hätte sich doch nach der gläubigen Logik der Mensch selbst zu zu schreiben, da Gott ihm die Möglichkeit gegeben hat, selbst zu entscheiden.

ChrisAm 27. Juli 2015

Oh ja das kommt mir bekannt vor.

Ich habe einen guten Freund in einer "Josua Gemeinde" in Bautzen verloren. Durchgeknallte Sekten gibt es wohl überall.