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Für *Agnostiker

Bewusstlos in der Messe

7. Juli 2011
Von Anna Mayr

Für jemanden, der mit Religion nichts am Hut hat, ist es eine fremde, etwas einschüchternde Atmosphäre. Während man Gläubige sonst als "Sonntagschristen" abtut und sie für ihren Glauben belächeln mag, trifft man hier auf Menschen, die ganz genau wissen, wofür sie leben. Die meisten von ihnen sind mindestens zweimal in der Woche hier, bei Abendveranstaltungen, Hauskreisen oder zur Bandprobe. Für alle hier ist Jesus der wichtigste Mensch in ihrem Leben.

"Ich glaube an die Wahrheit der Bibel, das volle Evangelium und an eine lebendige Beziehung mit Jesus.", steht im Facebookprofil ihres Pastors. Kaum jemand in der Josua Kirche würde sich dieser Einstellung widersetzen. Nichts ist so essentiell für ihren Glauben wie die Bibel. Alles, was darin steht, ist wahr. Und alles, was darin steht, befolgen sie. Traditionen der herkömmlichen Kirche wie die Kindstaufe werden damit unnötig. Wer sich taufen lässt, der tut das, um seinen Glauben zu bekennen.

Andererseits leben die Gläubigen der Josua Kirche strikter nach den Regeln der Bibel. Während der Papst aufgrund der sinkenden Mitgliederzahlen seiner Organisation in bestimmten Fällen Kondome erlauben will, sind Verhütungsmittel in der Dortmunder Gemeinde erlaubt – solange sie nur zwischen Eheleuten zum Einsatz kommen. Und während die Kirchen kurz davor sind, homosexuelle Ehen zu erlauben, ist man hier der Überzeugung, Schwule und Lesben bekehren zu können.

Konservativ, anmaßend und arrogant, so nennen das aufgeklärte Menschen. Stehen geblieben in der Zeit, in der Homosexualität verhasst war und die sexuelle Befreiung noch nicht stattgefunden hatte. Es lässt sich darüber streiten, ob das hier Schwulenhass ist, doch zumindest ist es keiner im katholischen Sinne.

Für alle hier ist Jesus der wichtigste Mensch in ihrem Leben

Die Logik der Freikirchler ist folgende: Wer schwul ist, der tut nicht, was Gott vorgesehen hat. Für Christen heißt das, er wird nicht in den Himmel kommen. Und da der Christ an sich jeden Menschen lieben soll, setzt er es sich zum Ziel, die zu bekehren, die an "das Falsche" glauben. Und das ist der Fall, wenn sie den "Falschen" lieben.

"Glauben und glauben lassen" könnte das Ziel einer modernen Gesellschaft sein. Aber was tut man, wenn der eigene Glaube andere bekehren soll? Natürlich würde keins der Gemeindemitglieder irgendeine Form der Gewalt anwenden, um jemanden vom "Richtigen" zu überzeugen. Der Christ an sich hält stets die andere Wange hin, anstatt zurückzuschlagen. Trotzdem wollen sie, dass Gott alle erreicht. Man missioniert also anders. An Weihnachten verkleiden sich die engagierten Gemeindemitglieder als Nikoläuse und ziehen im Kostüm durch die Innenstadt. Wer sich traut, der baut Brunnen in Entwicklungsländern und bringt den Menschen dort nebenbei die Lehre Gottes bei.

Hysterisches Lachen im Gottesdienst
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Kommentare

BrianAm 7. Juli 2011

Ich fühle mich unweigerlich an zwei Schulkameraden erinnert, die genau so leben und mit denen ich mal ein sehr interessantes, wenn auch ergebnisloses, Streitgespräch geführt habe.

Letztlich begeben sich alle diese Gläubigen jedoch in einen Zirkelschluss: jede Ungereimtheit, jedes naturwissenschaftliche Faktum wird von ihnen damit erklärt, dass es von Gott nun mal so vorgesehen sei – egal ob die Gewalt legitimierende Interpretation der Bibel (in der Geschichte) bzw. des Koran oder die Verbichtung der Juden; alles wird durch Gottes Willen begründet. An dieser Stelle gerät jeder weiterer Diskurs in eine Sackgasse ohne Ausweg. Ähnlich ist es, wenn die Betroffenen von ihren persönlichen Begegnungen mit Gott oder Jesus berichten (Visionen o.ä.) - was soll man dem entgegensetzen?

Man muss den Leuten ihren Glauben lassen, wenn er ihnen Halt gibt im Leben (=individualisierter Glaube), aber die Kirche als übermächtige Institutiom ist und bleibt ein Auslaufmodell! Oder?

FabianAm 7. Juli 2011

Diesen Schicksalsglauben finde ich sehr gefährlich, und dass Gott das Unerklärliche erklärt. Das macht sehr denkfaul, das lähmt, und das gefällt Gott ganz und gar nicht, da bin ich mir sicher. Ich glaube auch, dass es Gott lieber ist, wenn man mit ihm hadert, auch Streit mit ihm sucht, fragt, warum dies und das sein muss, anstatt ihm stets ohne Zweifel "blind vertraut".

UlliAm 9. Juli 2011

Ich stimme euch zu, und die Zeiten der "Kirche als übermächtige Institution" sind in "unserer Welt sicherlich vorbei, zumindest was die politische Beeinflussung der Gesellschaft anbelangt. Die Kirche als Organisation, die Menschen zusammenbringt, ihren Alltag mitgestaltet und Bedürftigen hilft – solange sie niemandem extremistische Haltung aufzwingen will – hat eine wichtige Funktion in unserer Gesellschaft und darf keines werden.

ChrissiAm 11. Juli 2011

Gott ist kein Lückenbüßer-Gott, den Mann noch ungeklärten wissenschaftlichen Fragen vorschieben kann. Auch das Leid und Unheil auf der Welt kann nicht mit Seinem Willen begründt werden. Warum will Er im Gegenteil das Leid gerade nicht? Er hat die Passion und den Tod Jesu durch die Auferstehung in ein Heilsgeschehen verwandelt.

ConnorAm 19. August 2011

Also ich war selber länger Teil einer freikirchlichen Gemeinde.

Und zu Brians Punkt, dass alles Übel mit Gottes Willen begründet wird, muss ich widersprechen. Jegliches von Menschen ausgelöstes Leid hätte sich doch nach der gläubigen Logik der Mensch selbst zu zu schreiben, da Gott ihm die Möglichkeit gegeben hat, selbst zu entscheiden.

ChrisAm 27. Juli 2015

Oh ja das kommt mir bekannt vor.

Ich habe einen guten Freund in einer "Josua Gemeinde" in Bautzen verloren. Durchgeknallte Sekten gibt es wohl überall.