TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Spießer

Von SM zu Bionade

1. Juni 2011
Von Fabian Stark

Paul Eisewicht und Tilo Grenz, Autoren von "Über die Indies", im Interview

Paul Eisewicht und Tilo Grenz, Autoren von "Über die Indies", im Interview

Die Studie sagt auch, drei Viertel aller Jugendlichen seien im Allgemeinen mit ihrem Leben zufrieden. Wogegen sollte man da denn noch aufbegehren?

Tilo: Richtig. Der Begriff der Subkultur verabschiedet sich selbst – Punk ist vielleicht noch subkulturell, weil er sich gegen jede Herrschaft und das anständige Leben stellt, aber in der Regel toleriert die Gesellschaft heute so genannte Subkulturen.

Paul: Auch der Szenebegriff wird sich verabschieden, man verwendet ihn nur aus Verlegenheit.

Tilo: Heute geht es eher um die Jugendlichkeit selbst als die Einstellung. Dabei spielt das tatsächliche Alter eine kleinere Rolle als gemeinsame Interessen.

Paul: Heute werden die Leute in der Szene alt. Man kann aufsteigen, etwa als Club-Betreiber, man steigt auch nicht aus wegen Familie oder Beruf.

Tilo: Die 70-jährige Frau, die über die Straße läuft mit der Kleidung, die gestern noch meine Freundin getragen hat. Wie es auch 40-jährige Emos gibt.

Jugend und Jugendkultur ist also eher etwas Identitätsstiftendes als etwas Abgrenzendes geworden?

Ja.

Wir führen ein Teilzeitleben: Morgens Umweltaktivist, abends Techno-Jünger

Wenn nun alle zufrieden sind und nicht im klassischen Sinne rebellieren: Was ist das eigentlich für eine Zufriedenheit?

Paul: Es gibt schon Dinge, wo Leute unzufrieden sind und sich engagieren. Aber weder gibt eine Elterngeneration Anlass, noch ist das Engagement so umfassend wie bei den 68ern. Bei den Uni-Protesten vor zwei Jahren hat man gesehen, dass sich Leute schnell verbünden und zumindest ein Stück weit Dinge erreichen, die sie betreffen. Heute kämpfen sie nicht mehr 20 Jahre lang für die Hochschul-Reform, sondern sind ganz normale Studenten. Man begibt sich nicht mehr in ein revolutionäres Dasein, sondern verknüpft das mit seinem Alltag.

Tilo: Man kann auch sagen: Wir sind eine pragmatische Generation. Die Jugend weiß, wie sie bestimmte Ziele erreichen kann, sie sieht eher Möglichkeiten als Zwänge.

Paul: Man will die Äußerung von Unzufriedenheit nicht mehr zum Lebensinhalt machen. Pragmatisch und hedonistisch.

Tilo: Und wir haben uns heute damit eingerichtet, dass wir ein Teilzeit-Leben führen: Wir sind nicht den ganzen Tag Anwaltskinder und werden selbst Anwälte, sondern wir sind Schüler, Söhne, Hip-Hop-Fans, Skater, Umweltaktivisten und abends die Techno-Jünger. Mein biederes Elternhaus kann ich später in der SM-Szene ausgleichen. Man weiß heute, wo man bekommt, was man will.

Paul: Man macht, wonach einem ist. Aber das muss ich nicht mehr in die Öffentlichkeit tragen und um Akzeptanz bitten. Die Rebellion passiert im Privaten: Man probiert sich aus, ob sexuell oder kulturell, man führt eine Bastelexistenz.

Tilo: Es gibt keinen einzig wahren Sinn, der mir erklärt, warum der eine Typ im Holzkasten sitzt und sagt: "Bete zehn Vaterunser" oder der andere mir erklärt, warum meine Eltern nicht wollen, dass ich vorehelichen Sex habe. Das erwartet man nicht! Das ist die Moderne.


«Seite  1  2

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

jazzAm 1. Juni 2011

cooles interview, vielen dank!

linda_blumeAm 2. Juni 2011

bionade-bohème xD kuhler begriff! und wirklich ein gutes interview.

JonathanAm 2. Juni 2011

Kann mich nur anschließen: Wirklich gutes Interview, das viele meiner eigenen Eindrücke auf den Punkt bringt.

GustavAm 4. Juni 2011

Vermutlich muss man Innen und Außen neu definieren, um klarzustellen, wer sich nun abschottet oder aber die Veränderungen der Außenwelt in den Lebensstil integriert.

Ein Gedankengang meinerseits: Ich traue dieser Theorie nicht recht, dass "die Jugend" sich gleichviel engagiert wie einst, nur heimlicher und anders. Wo sind die weltbewegenden Massen, die gegen Atomstrom protestierten, und zwar zeitlich vor Japans Katastrophe, also weitgehend unbeeinflusst von den Massenmedien und der großen Protestwelle, die ohne BILD und Konsorten nicht möglich gewesen wäre?

Probleme gibt es im Hier und Jetzt genug: Zweifelhaftes Schulsystem, schlechte Arbeitsbedingungen, eingeschränkte Mobilität. Ich habe den Eindruck, dass früher mehr los war und woanders mehr los ist, wenn Missstände beseitigt werden sollen. Die einzigen Protestler sollen Punks sein? Hmm … ääh … nee.