TONIC ist umgezogen! Hier gehts zur neuen Seite.
Für *Hipster

Von H&M zu White Stripes

5. Juni 2011
Von Fabian Stark

Wir tragen Chucks und Streifenshirts, hören die Libertines und Franz Ferdinand – sind wir nicht alle ein bisschen Indie? Nein, sagen Tilo Grenz und Paul Eisewicht im zweiten Teil unseres Interviews über Jugendkultur.

Viele Leute, die von Indie nie was gehört haben?

Viele Leute, die von Indie nie was gehört haben?

Der Hip-Hop gilt als die letzte große Jugendbewegung. Wieso nicht Indie?

Tilo: Indie ist weder die letzte noch die größte Jugendbewegung. Indie ist eine Einstellung: Dass man sich absichtlich nicht so kleidet, wie man meint, dass es die Masse tut.

Paul: Danach kam ja auch noch Emo hoch. Und bei Indie sind es eher Leute, die aufs Gymnasium oder die Universität gehen und aus bürgerlichen Familien kommen, sie haben mit ihren Eltern keinen Stress und die nicht mit der Indie-Musik. Kann man dann wirklich sagen, Indie eint eine ganze Generation? In der CD-Edition der Süddeutschen Zeitung sind 2000 bis 2005 die Indie-Jahre mit Wir sind Helden und den Libertines, aber die Frage bleibt: Gibt es nicht vielleicht viele Leute, die von Indie noch nie was gehört haben?

Wenn ich an die Schule denke, sind nicht allzu viele bewusst "Indie". Aber ein großer Teil hört trotzdem die Strokes und Franz Ferdinand und trägt Streifen-Shirts. Ist die Bewegung dadurch nicht größer, als man denkt?

Tilo: Es reicht nicht, wenn man sich ähnlich kleidet, bewegt, tanzt oder dieselbe Musik hört. Um Indie zu sein, muss man sich als einer verstehen. Man kann nichts sein, was man selbst nicht bezeichnen kann. Die andere Frage ist: Was ist überhaupt eine Jugendbewegung? Bewegung bedeutet ja, man hat ein Ziel: Deswegen wird der Begriff immer politisch besetzt sein. Ich würde generell nicht von Bewegung sprechen, eher von Kultur: Was man meint tun zu dürfen und was nicht, wie man sich kleidet…

Um Indie zu sein, muss man sich als einer verstehen.

Um Indie zu sein, muss man sich als einer verstehen.

Paul: Gutes Beispiel dafür: Andere Leute konfrontieren einen damit dass man ein Indie sei, und man sagt: "Nee, glaub ich nicht." Selbst, wenn man vom Aussehen oder der Musik bestimmte Sachen teilt. Wie stellt der Einzelne die Zugehörigkeit zur Szene her? Das funktioniert natürlich nur, wenn er sagt: Ich bin Indie und orientiere mich daran. Dann können ihn andere bestätigen, die sagen: "Geiler Scheiß, dieser Sampler, den du da gemacht hast." Wenn dagegen gerade zufällig Ausverkauf bei H&M war und er ein billiges T-Shirt brauchte…

Tilo: … ist es Konsumstil, keine Kultur. Im Grunde kennzeichnen sich die heutigen Jugendkulturen dadurch, dass sie sich nicht mehr von der Gegenwartskultur abgrenzen: Es gibt nicht mehr ein spießiges Verhalten der Erwachsenen, von dem man sich abgrenzt, sondern das anderer Jugendgruppen. Ganz wichtig ist die Frage: Wer sind die und wer sind wir? Um sich zu identifizieren, muss man erstmal Grenzen ziehen. Und innerhalb des "Wir" möchte man dann auch noch was Besonderes sein. Manche tragen Band-Shirts, Streifen und Seitenscheitel, andere sehen aus wie bunt zusammengewürfelt, trotzdem fühlen sie sich einer Szene zugehörig.

Der Hipster als urbaner Indie?
Seite  1  2»

Weiterlesen

Texte, die dich auch interessieren könnten.

Kommentare

JohannesAm 13. Juni 2011

Leider wird sich der folgende Kommentar jetzt sehr indie-esk anhören, aber mit Bedauern muss ich feststellen, dass alle Versuche, das Thema "Indie" mit Begriffen wie Hipster, Mainstream und Jugendbewegung kurzzuschließen, in ein realitätsfernes Disaster von Fazit führen. Dieser Artikel schließt sich da leider an ( und fällt damit qualitätsmäßig in der Riege der sonst sehr guten tonic-Artikel aus der Reihe ). Hier wird kaum an der Oberfläche des Themas gekratzt. Und Tilo, wer die ältesten Hipsterwitze bedient, ist immer selber ein Hipster.

FabianAm 13. Juni 2011

Auch ich sehe ein Problem darin, diese Begriffe kurzzuschließen, aber warum ist das so? Was unterscheidet Indie von dem, was wir Jugendbewegung oder besser - kultur nennen? Was ist dein Fazit?

JohannesAm 13. Juni 2011

Zuallererst ist es meiner Meinung nach schwierig, Indie abzugrenzen ; wenn wir mal vom Ursprung des Begriffs ausgehen, ist jegliche Musik außer die von den Majorlabels "Indie". Macht das aber z.B. die Band MGMT zu einem Mainstreamphänomen? Wohl kaum. Und dann, da hier ja der Vergleich zum Hiphop gezogen wurde, ist Indie auch über die Jahre eher zum Sammelbegriff für Cool und Underground geworden als ein echtes Musikgenre. Die Rapgruppe OFWGKTA wird zuweilen auch als zuhöchst Indie gehandelt, wobei sie wahrscheinlich im Definitionsspektrum Indie mit dem Gitarrenrock die beiden Pole bilden.

Indie ist also eine Zecke, da es als Begriff universelle Verwendung findet. So entstand auch der optische Hipster, der meiner Meinung nach ein guter Beweis für die Nichtgreifbarkeit von "Indie" ist; Im Gegensatz zum Baggyhosen-Hopper ist der Hipster nämlich der Bastard aus einer Anbandlung mit Fashion und Modelwesen, entstanden aus mehreren Jahrzehnten guter Nachbarschaft in der Populärkultur.

Gerade aus der Tatsache, dass Indie sich immer vermischt und vermengt und immer unübersichtlicher wird, kugeln sich die Erzindies ein wie Igel ; und so entstand die Hipsterattitüde, immer individuell sein zu wollen und Musik zu hören die keiner kennt, Bücher zu lesen die keiner versteht. Aus dieser Attitüde heraus kann keine Jugendbewegung entstehen ; eine Szene, die keinen Anspruch auf Wachstum hat, zu der niemand steht, weil das dann wiederum dazu führen würde, dass die Szene größer und noch unübersichtlicher wird.

So, das wars jetzt aber auch, jetzt endlich wieder zurück zum genialen neuen Bon Iver Album. Aber davon hat ja eh noch niemand gehört.

FabianAm 13. Juni 2011

Wir tun unser bestes, dass dem bald nicht mehr so ist!

PaulAm 28. Juli 2011

Leider den Artikel und die Kommentare erst jetzt entdeckt...

Zum ersten würde ich Johannes zustimmen, dass das Problem von Indie die Vieldeutigkeit des Begriffes ist (bezüglich Label, Musik und Szene/Teilkultur), dass sehen wir von jeher als Problematik einer entsprechenden Kultur oder Szene. Allerdings sind das lediglich verschärfte soziale Mechanismen, wie sie sich in anderen Szenen auch abspielen. Das Bezeichnungen in den Augen Einiger zu Etiketten degenerieren, dass Szenen 'sterben' oder zu Sammelbegriffen werden etc.

Was sich aber immer wieder gezeigt hat ist, dass es dennoch Menschen gibt, die sich als solche (als Indie, als Punk) verstehen und zumindest auf lokaler Ebene einen Wertekonsens und ein Zusammengehörigkeitsgefühl entwicklen. Inwieweit das überregional und transnational funktionieren kann und muss ist eine andere Frage, die vll. damit zu tun hat, was du unter Szene verstehst. Was für Szenen dabei aber generell zum Problem wird, ist durch das Internet die beschleunigte Verbreitung von Kulturgütern, Stilen, Ideen ... Wie soll sich ein "Erzindie" einigeln, wenn alles was er für sich entdeckt potentiell für jeden anderen auch erreichbar wird?