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Für *Liebende

Verpixelte Liebe

1. Juni 2011
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Nüchtern betrachtet geht "Love Plus" nur einen einzigen Schritt weiter als die sozialen Netzwerke und Singlebörsen, die bei uns längst salonfähig sind: Es kappt die Verbindung zur Außenwelt. Während bei Facebook und Partnerbörse immer noch jemand da ist am anderen Ende der Leitung, auch wenn man ihn nie mit eigenen Augen gesehen hat, so läuft "Love Plus" in eine Sackgasse: Am anderen Ende sind hier nur fünftausend verschiedene Scripts für Dialoge, ein Speicherchip mit fiktiven Biographien, und eine eingesprochene Stimme.

Wird der Mensch eines Tages vom Nintendo träumen, ihm gar ein Gedicht widmen?

Wird der Mensch eines Tages vom Nintendo träumen, ihm gar ein Gedicht widmen?

Doch Wissenschaftler Vogel zufolge gäbe es genügend Verlockungen eines fiktiven Gegenübers: "Bei der Partnerwahl wählen wir solche Menschen aus, die uns von ihrer Attraktivität und Intelligenz her ähneln. Ähnlich schöne, schlaue oder reiche Partner wählen wir aber nicht deshalb, weil wir diese auch am attraktivsten finden. In der Realität geht es schlichtweg nicht anders." Der Markt lasse nur für diejenigen das Beste übrig, die selbst etwas zu bieten hätten. Im Virtuellen hingegen sei der Markt nicht begrenzt und jeder könne seinen Traumpartner bekommen.

Die Entwicklungen virtuellen Kontakts stehen in einer Linie: Facebook und Singlebörsen sind der Schritt vom realen Austausch mit einem echten Menschen zu einem virtuellen Austausch. "Love Plus" ist der Schritt vom virtuellen Austausch mit einem echten Menschen zum virtuellen Austausch mit einer Figur.

Doch bislang gilt: Der Austausch mit einem Menschen – egal wie – erschöpft sich auch nicht bei langer Dauer, er ist frei von Wiederholung. Das Spiel bleibt an die technischen Möglichkeiten und die begrenzte Phantasie seiner Hersteller gekoppelt.

Solange "Love Plus" auf seinem derzeitigen Niveau bleibt, hat es für Therapeutin Karschnick deshalb weder in Europa noch in Japan eine langfristige Perspektive. Dafür liegt es dem Menschsein (noch) zu fern: "Irgendwann merkt jeder noch so verliebte, dass irgendetwas mit seiner 2-D-Partnerin nicht stimmt, dass ihn der Umgang mit ihr nicht restlos erfüllen kann", sagt sie.

Wie nah Konami und Co. der Realität in Zukunft noch kommen können, ist vorerst ungewiss. Bereits heute bastelt der Hersteller an verbesserten Versionen, die das Spiel bisher aber nur graduell ergänzen. Ein großer technischer Sprung ist ihm seither noch nicht gelungen. Und solange ist es schwer vorstellbar, dass Menschen eines Tages von ihrem Nintendo träumen, ihm Gedichte widmen und ein Leben lang die Treue schwören.


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