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Für *Liebende

Verpixelte Liebe

1. Juni 2011
Von Jakob Hinze

Jakob aus Hamburg ist Autor bei TONIC

Texte von Jakob
autor@tonic-magazin.de

Jakob Hinze

Ansonsten sind die animierten Figuren aber sehr dankbare Partnerinnen: Laut Herstellerangaben passen sie ihre Charaktereigenschaften im Laufe der Spielzeit an den Nutzer an. Sie sind immer zu erreichen, stets nur einen Knopfdruck vom Spieler entfernt. Und wenn sie einen verlassen, holt man sie sich zurück. Entweder durch Aufladen der Minikonsole oder – falls man es sich wirklich einmal verscherzt hat mit der Freundin – über einen Neustart.

Wie praktisch "Love Plus" und seine Lebensweise sind, hat sich in Japan längst herumgesprochen. Dort ist das Spiel ein Genre-Hit, dessen Erfolg längst bizarre Blüten treibt: Als im vorletzten Jahr ein japanischer College-Student seine Nintendo-Freundin heiratete, tat er es im Beisein eines Priesters und seiner versammelten Familie, via Internet wurde das glückliche Ereignis auf der ganzen Welt übertragen. So konnten rund um den Globus die Fans des Spiels verfolgen, wie das Paar sich küsste – dazu musste der Bräutigam nur eine bestimmte Bewegung auf dem Bildschirm ausführen.

Totaler Ausstieg aus der Realität

Totaler Ausstieg aus der Realität

Besonders häufig küsst man sich so in Atami, einer einstmaligen Touristenhochburg. Dort haben sich manche Hotels bereits ganz auf das Phänomen spezialisiert: Sie bieten "Love Plus"-Spielern an, übers Wochenende auf Paarurlaub in ihren Gemächern zu verweilen, in trauter Zweisamkeit mit dem Nintendo. Und egal ob bei der Zimmerreservierung, dem Abendessen oder auf der am Ende zu begleichenden Rechnung – stets werden der Spieler und seine Minikonsole so behandelt, als wären da zwei richtige Menschen.

Auf bisher nicht dagewesene Weise verwischt "Love Plus" die Grenzen zwischen Realität und Fiktion. Wie ein Virus dringt es in die Lebenswelt der Spielenden ein, breitet sich darin aus. Die Folge: Der Betroffene differenziert nicht mehr scharf zwischen wirklicher und imaginärer Beziehung. Und der Außenstehende blickt staunend auf ein Phänomen, das ihm absurd, ja krank erscheint.

Doch die Bedingungen, unter denen sich Menschen aus Fleisch und Blut in Pixel auf einem Bildschirm verlieben, scheinen wenig fremd: "Je schwächer unser Selbstwertgefühl, desto empfänglicher sind wir für solche Scheinrealitäten", sagt Uta Karschnick, die sich als Psychotherapeutin speziell mit Paarberatung befasst. "Ein Mensch, der sich in solche eine virtuelle Welt verstricken kann, hat Probleme, sich in der realen Beziehungswelt zurechtzufinden."

Love Plus könnte auch in Europa erfolgreich sein
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