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Für *Alkoholleichen

Stefan, dreizehn, obdachlos

1. Juni 2011
Von Tobias Gafus

Tobias aus Mühldorf am Inn ist Redakteur bei TONIC

Texte von Tobias
autor@tonic-magazin.de

Tobias Gafus

Anfangs hat er sich noch unter Kontrolle, dann macht sich sein Körper selbstständig. Kalter Schweiß bricht ihm aus. Stefan wankt ins Bett, doch er kann nicht einschlafen. Als ihn schließlich doch der Schlaf übermannt, wird er von wirren Träumen geplagt. Kurz darauf schreckt er mit rasendem Herzen auf. Naß und kalt klebt das T-Shirt an seinem Oberkörper. Er befreit sich von der zerwühlten Decke und greift zitternd zum Telefon. Noch ist er Herr über seine Gedanken, doch er hat Angst, dass sich das bald ändern wird. Er ruft einige Freunde an, fragt, ob sie vorbeikommen können und ihm helfen. Sie versprechen ihn in den nächsten Tagen nicht alleine zu lassen. Stefan legt auf und übergibt sich. Er ist froh, als seine Freunde endlich eintreffen, denn er hat sie bitter nötig. Sein Zustand verschlechtert sich zusehends. Stundenlang verharrt er lethargisch zusammengekauert und stiert ins Nichts. Sein Leben ist ihm egal. Er denkt daran, sich umzubringen. Dann kommen die Phasen, in denen sich das Verlangen nach den Drogen wieder meldet. Er springt auf, schreit, fleht seine Freunde an ihm den so dringend benötigten Stoff zu holen.

Stefans Beine schmerzen, er hat seit Ewigkeiten nicht mehr geschlafen. Seine Freunde beginnen sich ernsthaft Sorgen zu machen. Sie versuchen ihn abzulenken, gehen mit ihm so oft wie möglich raus und in den Park. Dann bessert sich Stefans Zustand langsam wieder. Das Schwitzen lässt nach, er hört auf zu zittern, übergibt sich nicht mehr und auch die Farbe kommt zurück in sein Gesicht. Er hat es überstanden. Die Qual hat sich gelohnt. Nach zwei Wochen muss er nicht mehr ständig an die Drogen denken. "Wirklich clean war ich aber erst nach drei bis vier Monaten", sagt er heute, knapp neun Jahre später.

Einem Gläschen mit guten Freunden auf alte Zeiten ist Stefan auch heute nicht abgeneigt.

Einem Gläschen mit guten Freunden auf alte Zeiten ist Stefan auch heute nicht abgeneigt.

In dieser Zeit holt er seinen Realschulabschluss nach und fängt eine Lehre als Metallbauer an. Nach einem knappen Jahr geht der Betrieb pleite, bei dem er seine Lehre absolvieren will. Mit seinen Eltern versteht er sich wieder besser, auch wenn die Beziehung zu seinem Vater immer noch unterkühlt ist. Stefan verdient inzwischen als Zeitarbeiter sein Geld und versucht sein Abitur nachzuholen. Danach will er Sozialpädagogik studieren, um sich einen großen Traum zu erfüllen. Er will Streetworker werden und Menschen helfen, die in der gleichen Situation sind, in der er früher war: obdachlos und somit auf die Hilfe anderer angewiesen.


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Kommentare

MonaAm 3. Juni 2011

Das kenn ich doch irgendwoher ;-)

Aber der Artikel ist (immernoch) richtig super!