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Für *Alkoholleichen

Stefan, dreizehn, obdachlos

1. Juni 2011
Von Tobias Gafus

Tobias aus Mühldorf am Inn ist Redakteur bei TONIC

Texte von Tobias
autor@tonic-magazin.de

Tobias Gafus

Doch irgendwann beginnt er sich in Berlin zu langweilen, er braucht Abwechslung und beschließt "umzuziehen". Er nimmt alles, was er besitzt – Hund, Schlafsack und Klamotten – und steigt in einen Zug nach Rostock. Dort erkennt man, dass er dazugehört, der Dreizehnjährige mit den bunten Haaren und den löchrigen Jeans. Wie in Berlin wird er herzlich aufgenommen. Neue Leute, eine neue Stadt – und doch immer noch das alte Leben. Bis der Winter kommt, die härteste Zeit auf der Straße. Immerhin hat Stefan noch einigermaßen Glück, denn einige der Punks haben Wohnungen und so bleibt es ihm zumindest manchmal erspart, die Nacht bei Minus­temperaturen unter freiem Himmel zu verbringen. Ansonsten schläft er, wo er umfällt: Parkbänke, Bushaltestellen oder einfach am Rand kleinerer Seitenstraßen. Doch auch in Rostock hält er es nicht allzu lange aus und fährt weiter, nach Hamburg, Köln, Kiel, Mannheim... Nirgends bleibt er länger als ein bis zwei Monate.

... was man durchaus erahnen kann.

... was man durchaus erahnen kann.

Als Stefan 15 ist, steigt er aus. Es ist ihm klar, dass es so nicht ewig weitergehen kann. Er will es auch gar nicht mehr. Also fasst er den Entschluss, sein Leben zu ändern. Mit Erfolg. Ein Bekannter verhilft ihm zu einer Wohnung in Dresden. Nach zwei Jahren auf der Straße will er wieder Fuß fassen und die Schule nachholen. Doch bevor Stefan zurückkehrt in ein – zumindest einigermaßen – geregeltes Leben, muss er die zwei schlimmsten Wochen seines Lebens durchstehen – "die Hölle", wie er heute sagt. Damit er die Schule nicht noch einmal abbricht, muss er wegkommen von den Drogen, nach denen sein Körper nun immer stärker verlangt, nachdem er sie in den letzten zwei Jahren regelmäßig zu sich genommen hat. Nur noch Alkohol und Kippen – Abstinenz pur im Vergleich zu früher. Stefan greift zur radikalsten Lösung: Kalter Entzug! Von einem Tag auf den anderen hört er auf mit bunten Pillen, Kokain und Morphium. Und leidet. "Es ist, wie wenn man Durst hat, aber nichts trinken kann".

Der kalte Entzug als persönliche Hölle und was danach kommt
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Kommentare

MonaAm 3. Juni 2011

Das kenn ich doch irgendwoher ;-)

Aber der Artikel ist (immernoch) richtig super!