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Stefan, dreizehn, obdachlos

1. Juni 2011
Von Tobias Gafus

Tobias aus Mühldorf am Inn ist Redakteur bei TONIC

Texte von Tobias
autor@tonic-magazin.de

Tobias Gafus

Stefan ist glücklich: Keine Verpflichtungen, keine Zugeständnisse, endlich kann er tun und lassen, was er will. Deshalb zieht er auch nach einer knappen Woche wieder bei seinem Kumpel aus und verbringt den ganzen Tag mit seiner neuen Clique. Schnell fängt er an härtere Drogen zu nehmen:

"Gras, Koks, Morphium – einfach alles". Sein Leben ist geprägt von Spontanität und Zufall, er macht, was ihm gerade in den Sinn kommt, und steht so bald mit einem Iro da. Endlich ist Stefan da, wo er hinwollte: jenseits aller Regeln, abseits sämtlicher Vorschriften. Aber er ist nicht nur frei, sondern auch alleine, trotz seiner Clique. So gut er sich mit ihr auch versteht, fehlt ihm ein bester Freund.

Die Lederjacke begleitet Stefan schon ein halbes Leben.

Die Lederjacke begleitet Stefan schon ein halbes Leben.

Irgendwann fragt einer seiner Kumpels, ob er Interesse an einem Dobermannwelpen hat. Viele in der Clique haben Hunde und ohne groß nachzudenken sagt Stefan zu. Eine Entscheidung, die er nicht bereuen wird, denn obwohl seine Kumpels meistens bei ihm sind, ist er froh, einen festen Bezugspunkt zu haben, etwas in seinem Leben, das sich nicht ändert. Die Routine, die der Hund mit sich bringt, tut ihm gut. Sein "Hannibal" ist da, wenn Stefan irgendwo alleine draußen schlafen muss. Auch beim Betteln wirkt sich sein treuer Begleiter meist positiv aus: Die Leute sind spendabler, denn sie haben mehr Mitleid mit dem jungen Hund als mit dem verdreckten Dreizehnjährigen in den zerschlissenen Klamotten. Auf diese Weise kommt Stefan an guten Tagen auf 10-20 DM. Wichtiger als die Einnahmen ist ihm aber, dass er endlich einen echten Freund hat. Das Geld gibt Stefan dann sowieso hauptsächlich für Hundefutter aus: "Die Hunde kommen immer an erster Stelle, bei uns allen." Lieber hungert er selbst, als dass er nichts für Hannibal hat. Und es gibt durchaus Zeiten, in denen er eine ganze Woche lang nichts zu essen hat oder in Abfalleimern und Mülltonnen nach dem graben muss, was andere weggeworfen haben. Zur Not ernährt er sich von Hundefutter: "Aufgewärmt mit Salz und Pfeffer schmeckt’s ganz gut und wenn du erstmal ’ne Woche nichts gegessen hast, ist es dir sowieso egal." Doch es gibt auch Menschen, die kein Mitleid mit dem Dreizehnjährigen und seinem Hund haben, sondern vielmehr mit Unverständnis reagieren. "Was musst du dir auch eine Töle anschaffen, wenn dein Geld nicht mal für dich reicht?" Solche Sprüche kann Stefan überhaupt nicht leiden.

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Kommentare

MonaAm 3. Juni 2011

Das kenn ich doch irgendwoher ;-)

Aber der Artikel ist (immernoch) richtig super!