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Für *Sprachliebhaber

Scheiße, die hassen mich

17. Juni 2011
Von Anna Neifer

Anna aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Anna
autor@tonic-magazin.de

Anna Neifer

Alle drei Wochen berichtet Anna Neifer aus der Slam-Ecke. In der letzten Folge begleitete sie Till Reiners beim Einzug ins Finale der 14. deutschsprachigen Meisterschaften, heute ist es so weit: Tills letzter Auftritt steht bevor.

Habe ich versagt? Nein, das Publikum hat falsch entschieden.

Habe ich versagt? Nein, das Publikum hat falsch entschieden.

Eine ungewöhnliche Meisterschaft: Keiner von den bekannten Slammern hat es ins Finale geschafft. Andy Strauß, Torsten Sträter und Lara Stoll sind raus. Auch Sulaiman Masomi, Schriftstehler, Tobias Kunze und Quichotte sind nicht dabei. Doch es ist die Entscheidung der Zuschauer. Konkurrenz ist zwar immer da zwischen den Teilnehmern, durch die öffentliche Jury wird es aber kein persönlicher Konflikt. Man kann es auf das Publikum schieben. Die haben scheiße entschieden und man fühlt sich ein bisschen besser.

Till ist schon sehr zeitig in der Jahrhunderthalle – Früher wurde hier Stahl produziert. Das war, bevor das Ruhrgebiet sich zum Standort für Kultur erklärte. Wandel durch Kultur – Kultur durch Wandel, lautet das Motto der Kulturhauptstadt Essen. Natürlich finden die Meisterschaften im Rahmen von RUHR.2010 statt.

Acht Finalisten treten gegeneinander an. Als Till dann auf der Bühne steht, merkt er plötzlich, dass er Angst hat. Die Halle ist voll mit Menschen. Seine Eltern sitzen irgendwo in der Menge und schauen ihm zu. Nach den ersten zehn Sekunden hat er das Gefühl, dass das Publikum ihn nicht mag. Scheiße. Er möchte jetzt nicht hier stehen. Er hat keine Lust. Die ersten Worte seines Textes lauten: Eigentlich will ich nicht mehr...

Überzeugen lernen mit Senseo Kaffee

Der Gewinner der Meisterschaften in der Kategorie Einzelwettbewerb heißt Patrick Salmen. Mit einem Plädoyer für seinen Bart begeistert er die Jahrhunderthalle. Im Stechen setzt er sich dann mit einem Text über Senseo Kaffee durch. Till ist Vorletzter. Er hat nur einen Gedanken: Einfach nur nach Hause, sofort. Er fühlt sich schrecklich. Geknickt. Egal welchen Text er gebracht hätte, es wäre alles nicht das Richtige gewesen.

"The points are not the point, the point is poetry", lautet das Motto der amerikanischen Slam-Welt. Es erinnert die Poeten daran, dass es nicht nur um den Sieg geht. Manchmal trifft der Vortrag nicht den Geschmack des Publikums. Ob man verliert oder gewinnt, sagt daher wenig über die Qualität des Textes selbst aus.

Am Ende ist Till doch nicht nach Hause gefahren. Er ist mit den anderen Slammern zur After-Show Party gegangen. An den Tagen davor musste er sich konzentrieren, am letzten Abend kann er feiern. Nochmal Leute treffen, sich ablenken, abschalten.

Die Slamily, eine Schicksalsgemeinschaft

"Slamily", das ist so ein Begriff den er erst nicht mochte. Eine Kreuzung aus slam und family. Für ihn haben die Slammer mit Familie nichts zu tun. Aber man kann Slamily auch als Schicksalsgemeinschaft sehen. Das passt gut. Man macht das selbe, trifft sich auf Veranstaltungen, muss also miteinander klarkommen. Man streitet sich, versteht sich und am Ende nimmt die Erinnerungen an schöne Begegnungen mit nach Hause.

Der Tag danach: Die Meisterschaften sind vorbei. Tills Eltern fahren ihn nach Berlin zurück. Er schläft auf der gesamten Autofahrt, auch die kommenden Tage schläft er viel. Erst jetzt merkt er die Anstrengung der vergangenen Tage. Er ärgert sich immer noch. Auf Arte gibt es das Finale als Mitschnitt zu sehen. Vorerst will er sich seinen Auftritt aber nicht ansehen. Sein nächstes Projekt ist seine Magisterarbeit in Politikwissenschaften, das Slammen wird er bis dahin hinten anstellen. Die nächsten Poetry Slam Meisterschaften finden Oktober 2011 in Hamburg statt. Genug Zeit also, um einen Text für das Finale zu schreiben.


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