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Für *Wortakrobaten

Mit Kinderriegeln auf die Bühne

1. Juni 2011
Von Anna Neifer

Anna aus Essen ist Autorin bei TONIC

Texte von Anna
autor@tonic-magazin.de

Anna Neifer

Alle drei Wochen berichtet Anna Neifer aus der Slam-Ecke. In der ersten Folge begleitet sie den Slammer Till Reiners in die 14. Poetry Slam Meisterschaften im Ruhrgebiet.

Till Reiners doziert über Schokolade

Till Reiners doziert über Schokolade

Till Reiners ist wütend auf Kinderriegel. Er ballt seine Faust und reckt sie den Zuschauern entgegen. Da ist doch immer nur die Rede von den fünf mit Milch gefüllten Kammern. Und was ist mit den vier breiten Hohlräumen dazwischen? Da spricht natürlich keiner drüber. Er steht auf der kleinen Bühne im Kulturzentrum Grend in Essen und schreit die Worte in den dämmrigen Saal. Es gibt keine Stühle, nur Stehplätze. Der Geruch von Bier und Schweiß liegt in der Luft. Die Leute schauen erwartungsvoll zu Till. Er ist einer der 175 Teilnehmer, die für die 14. Poetry Slam Meisterschaften im Ruhrgebiet qualifiziert sind. Gestern ist er aus Berlin angereist, heute kämpft er nur mit Worten gegen elf anderen Poeten im Grend um einen Platz im Halbfinale. Wer weiter kommen will, muss sich von den anderen abheben.

Wenn man ganz viele Bilder im Kopf hat, kann das schon überraschen.

Till hat glatte blonde Haare, sein Pony fällt zur rechten Seite. Unter dem dunklen Strickpullover trägt er ein helles Poloshirt. Kopfkino, noch so ein Wort, das ihn aufregt. Dafür gibt es schon einen Begriff. Er macht eine Pause, die Zuschauer warten gespannt auf die Antwort. Man kann auch einfach "Denken" sagen. Wenn man ganz viele Bilder im Kopf hat, kann das schon überraschen. Zumindest wenn man Denken nicht zu den häufigsten Tätigkeiten zählt, setzt Till sarkastisch hinzu. Bunte Bilder im Kopf, ist ja genau wie im Kino, Kino im Kopf, also Kopfkino. Die Leute lachen. Eine inbrünstige Rede, die den Missbrauch von Sprache anprangert. Sprache wird verstümmelt, bis sie verkümmert. Till erhebt jedoch keinen verbalen Zeigefinger, humorvoll zeigt er andere Perspektiven. Mal ironisch, dann cholerisch, aber immer durchdacht. Als Till fertig ist, gibt es lauten Jubel aus dem Publikum. Er geht von der kleinen Bühne und drängt sich durch die Menge. Erst mal Luft holen.

Es wird ernst, jetzt kommt die Wertung der Jury. Für jeden Text gibt es mindestens einen und maximal zehn Punkte. Die Jury-Karten gehen hoch – Punkte zusammenzählen und rechnen, dann das Ergebnis: Till ist weiter. Er bekommt die beste Wertung des Abends, mit drei anderen Slammern hat er das Halbfinale erreicht. Erleichterung, jetzt kann er nur noch gewinnen! So richtig feiern will er das aber nicht, betrunken und verkatert kann er seine Texte nicht vortragen, und schließlich geht es am nächsten Tag um den Einzug ins Finale. Also spielt er den Slam-Streber: Er fährt zurück in die Jugendherberge nach Bochum und geht früh schlafen.

Der nächste Teil von Slam Jam ist am 17. Juni erschienen. Schafft Till es bis ins Finale?


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