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Für *Baumumarmer

Lasst die Bäume im Park!

1. Juni 2011
Von Fabian Stark

Als angehender Förster schwingt Matthias im Wald die Axt. Im Stuttgarter Schlossgarten hingegen besetzt er Bäume – um sie vor den Kettensägen der Stuttgart-21-Bauarbeiter zu beschützen.

Matthias Roth (rechts) bei einer Baumbesetzung am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Februar

Matthias Roth (rechts) bei einer Baumbesetzung am Nordflügel des Stuttgarter Hauptbahnhofs im Februar

Es geht darum, dass das Grün inmitten von Stuttgart erhalten bleibt, nicht darum, dass Bäume verschwinden – deswegen ist Matthias Roth, 21, auch bei den Parkschützern, nicht bei den Tree-Huggern. Der Schlichterspruch von Heiner Geißler Ende November sah vor, dass die Bäume nicht gefällt, sondern verpflanzt werden. Unsinnig, findet Matthias: "Die Bäume sollen doch nicht irgendwo stehen, sondern hier."

Vor zwei Jahren fing Matthias an, sich gegen Stuttgart 21 zu wehren. Doch an den Montags-Demos konnte er nicht teilnehmen, noch machte er seinen Zivi in Heidelberg. Am 1. Oktober letzten Jahres aber, kurz nach der Großdemonstration gegen S21, die mit schlagender Polizeigewalt endete, macht Matthias einen Schritt: Vom Infostand zum Klettertraining, zum Aktivismus. Fortan hängt er an Bäumen und Häuserwänden. Im Herbst besetzen die Kletterer durchgängig fünf Bäume im Schlosspark, sie bleiben nicht, wie manch andere Aktivisten, jahrelang auf einem Baum, sondern wechseln sich ab, soweit die Polizeipräsenz das zulässt. Das sei jedes Mal aufs Neue eine Herausforderung, sagt Matthias, immerhin braucht man dazu immer vier Leute, die auch klettern können.

Der Protest gegen Stuttgart 21 hat viel nach sich gezogen. Baden-Württemberg hat seit dem 12. Mai einen Grünen als Ministerpräsidenten, der Verkehrsminister Winfried Hermann ist ausgewiesener S21-Gegner, die Bahn reißt keine Gebäude mehr ab und versucht, das Feuer lau zu halten. Großprojekte, die "oft im stillen Kämmerlein ausgemauschelt werden", wie Matthias meint, kann man nicht mehr gegen großen Widerstand durchdrücken, die Pläne für den Ausbau der Rheintalbahn wurden überdacht, man will kein zweites Stuttgart 21. Die Massenproteste sind abgeebbt, die Grünen-Wähler der Landtagswahl warten, ob ihre Stimme nun etwas verändert, oder nicht. Man sieht erstmal, wie sich die Dinge entwickeln – die neue Regierung sieht Matthias als Chance, wenn auch nicht als Garantie.

Am Montag traf sich der sogenannte Lenkungskreis, Vertreter der neuen baden-württembergischen Regierung und Bahnchef Rüdiger Grube – die Bahn will weiterbauen, Grüne und SPD wollen im Oktober die Bürger über den Bahnhof richten lassen. Für Matthias gibt es zwei Szenarien: Entweder, die Bahn legt realistische Kosten vor, das seien sicher über 4,5 Milliarden Euro, zu teuer: Das wäre das Projektende, für Matthias "der entspannte Weg". Oder Rüdiger Grube und seine Bahn machen weiter wie zuvor. Das würde den Abriss des Südflügels von Stuttgarts jetzigem Bahnhof bedeuten – die Zerstörung des Nordflügels hatte die Massen von empörten Stuttgartern erst auf die Straße getrieben. Dazu würden dann im Winter wieder bis zu 200 Jahre alte Bäume im Schlossgarten gefällt werden. Und tatsächlich: Die Bahn will ab Montag weiterbauen, die still stehenden Bagger sind ihr zu teuer. Matthias muss die Bergahorne, Ulmen und Rotbuchen im seit Jahrhunderten gewachsenen Park also wieder beschützen, während er selbst als Förster im Wald mit der Axt ausholt.


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Kommentare

FloAm 9. Juni 2011

Zum Glück haben unsre Förster in Deutschland noch etwas anderes zu tun als die Axt zu schwingen und wie bekloppt Bäume zu fällen.

Klingt für mich so als ob man den Jungen Mann hiermit an die Wand stellen will in dem man dies auf (für mich) sarkastische Art betont.

Weiter so Matthias! Ich bin froh darüber das Junge Leute wie du sich so bewusst für eine Sache einsetzen. Erst viel zu spät befürchte ich, würde den Leuten ansonsten klar werden, wie wichtig der Erhalt unser Natur für uns eigentlicht ist. ACT NOW!