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Für *Musikfanatiker

John Maus – We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves

27. Juni 2011
Von Ben Grosse-Siestrup

Ben aus Essen ist Autor bei TONIC

Texte von Ben
autor@tonic-magazin.de

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Ein Professor der Philosophie sitzt einsam im Leuchtturm und grübelt über gregorianische Mönchslieder.

Achtung Verwechslungsgefahr: Zumindest beim Namen könnte man bei John Maus noch ins Schwimmen kommen und an das im Mai verstorbene Mitglied der Walker Brothers denken. Das funktioniert aber nur, solange man die ersten geleierten Töne John Maus' neusten Streichs noch nicht vernommen hat. Musikalisch liegen John Maus und John Maus nämlich weit auseinander. Auf We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves schleicht sich unser Mann hinterhältig von hinten an durch den eigens produzierten Synthie-Soundnebel und schlägt jedem, der zuhört, sein quietschbuntes Keyboard mit voller Wucht vor die Mappe. Ganz im Gegensatz zu seinem Namensvetter, der es eher unaufgeregt und beschaulich mochte.

Stilistisch ist Maus nur schwer zu fassen. Viel mehr als extrem lässiger 80s Synthiepop mit Vocals, die an gregorianische Klostergänge und lilafarbende Samtgewänder erinnern, kann man da nicht anbieten. Es ist der schizophrene Kontrast zwischen fröhlich hüpfender Musik und missmutig dahin stapfender Stimme, mit dem der 31-jährige Philosophieprofessor Maus hier glänzt. Die Vorstellung der Location, in der man eine derart sperrige Musik stattfinden lassen könnte, bereitet allerdings Kopfzerbrechen, von dem Entstehungsort ganz zu schweigen. Könnte es der auf dem Cover des Albums abgebildete Leuchtturm sein? Vom ersten und einzigen Duett "Hey Moon", das Maus mit der Urheberin des Songs, Molly Nilsson, aufnahm mal abgesehen, klingt das dritte Album trotz poppiger Melodien vor allem: einsam. Die düster hallende Stimme lässt das Bild zu vom verbitterten (oder hochgradig depressiven), das Meer ansingenden Turmwärter – und die Grenze Richtung New Wave und Gothic ist auch nicht mehr weit.

Maus liebt die musikalische Schnitzeljagd. Vor Melancholie und Einsamkeit triefende Momente werden mit flippigen Synthiemelodien und poppig-treibenden Bassläufen überlagert und dadurch zumindest oberflächlich unkenntlich gemacht. Verwischte Spuren noch und nöcher. Erst nimmt er uns bei der Hand, nur um uns wenig später im Kreis zu drehen und dann in die andere Richtung zu schicken. "Keep Pushing On" bringt es auf den Punkt. Den einsetzenden Rhythmus hat man schon tausendmal in diversen Variationen gehört, mit dem Finger drauf zeigen kann man aber dennoch nicht. Illusionen werden in Sekundenbruchteilen aufgebaut und genau so schnell wieder abgerissen. Es bedarf Geduld, die vielen Momente mit Wiedererkennungswert aufzuschlüsseln und dem Einfluss passend zuzuordnen. Ein Versteckspiel, bei dem nur hartnäckige Zuhörer gewinnen.

Der John Maus von heute.

Der John Maus von heute.

Nach fruchtbaren Kooperationen mit Ariel Pink und Animal Collective ist das 'mausche' We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves eine Platte, die Schweißausbrüche verursacht, aber kein übertriebenes Hitpotential beinhaltet. Dafür schafft sie es, den Hörer in einen aufregenden Zustand aus entsetzlichem Unbehagen und Faszination zurück zu lassen. Ein Hochseilakt, den neben John Maus nicht viele mit solch bravouröser Routine gemeistert hätten.

 

Interpret: John Maus

Albumtitel: We Must Become The Pitiless Censors of Ourselves

Erscheinungsdatum: 23. Juni 2011

Label: Upset the Rhythm


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Kommentare

JohannesAm 4. Juli 2011

Mit unqualifizierter Wortwahl sage ich : KRASSES ALBUM DIGGA! Klaut ihr von meinem iPod, oder warum rezensiert ihr immer das was ich gerade höre. Ihr habt einen guten Geschmack.