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Für *Frauenfußballverachter

Frauenfußball als Pflichtlektüre? Ohne mich!

26. Juni 2011
Von Ruben Karschnick

Ruben aus Hamburg ist Chefredakteur von TONIC

Texte von Ruben
autor@tonic-magazin.de

Ruben Karschnick

Von ARD und ZDF bis zur S-Bahn-Anzeigetafel: Alle trichtern mir ein, dass ich mich auf die Frauenfußball-WM freuen soll. Tu ich aber nicht. Hallo Medien: Zur gewünschten "Euphorie" könnt ihr niemanden zwingen. Kommentar von Ruben Karschnick

Liebe Medien,

wovon träumt ihr? Dass die gesamte Nation sich zum Public Viewing trifft? Dass die Deutschen jubeln, klatschen und tröten wie beim Sommermärchen 2006?

Seit Wochen schreibt und sendet ihr euch die Finger wund, um einen künstlichen Hype um die Frauenfußball-WM zu erschaffen. Sogar die Anzeigetafeln der S-Bahn Hamburg zeigen mir seit gefühlten Ewigkeiten in gelben Leuchtbuchstaben, wie viel Tage es noch bis zum Anpfiff des Eröffnungsspiel sind.

Wenn Frauenfußball so toll wäre, wie ihr es darstellt, gäbe es eine wahre Euphorie über die WM im eigenen Land. Doch in Wirklichkeit interessiert diese Randsportveranstaltung kaum einen: Über die Hälfte der Deutschen kennen nicht eine einzige der Spielerinnen, die am Sonntag gegen Kanada spielen werden.

Doch nicht nur, dass ihr eine künstliche Begeisterung herbeizuzaubern versucht, die es ohne euch nicht gäbe. Was mich wirklich stört: Ihr wollt mich erziehen, mir sagen, was mich zu interessieren hat. Emanzipation, Gleichberechtigung – alles keine Frage. Aber dass ich mir aus gesellschaftlichen Gründen mittelmäßige bis unterirdische Fußballspiele anschauen soll, das geht zu weit. Für mich bleibt die WM eine Sportveranstaltung und kein Anlass, über den Zustand der Welt nachzudenken.

Auf die Spitze treiben es die Öffentlich-Rechtlichen: Von Nordkorea gegen Kolumbien bis Norwegen gegen Äquatorial-Guinea übertragen sie alle 32 WM-Spiele. Was wird da mit unseren Gebühren veranstaltet? Die Frauenfußballbundesliga hatte in der vergangenen Saison durchschnittlich 800 Zuschauer pro Spiel, bei den Männern waren es rund 40.000 – woher kommt der Gedanke, dass dieses Ereignis auch nur irgendjemanden ernsthaft in dieser Breite interessiert?

Parallel zur Frauenfußball-WM läuft übrigens das bedeutendste Tennisturnier der Welt, Wimbledon. Doch deutsche Tennis-Fans gucken – beziehungsweise eben nicht – in die Röhre: Keine einzige Minute dieses weltweit beachteten Spektakels wird übertragen. Und das, obwohl dort auch Frauen mitspielen. Und das ziemlich gut.


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Kommentare

JulianeAm 26. Juni 2011

Emanzipation, Gleichberechtigung - alles eben doch in Frage! Bei der MännerfußballWM '06 standen bei uns in der Stadt schon Monate vorher Fußballbetonfiguren in der Gegend rum, im letzten Jahr konnte ich bereits lange vor dem Anpfiff '54 '74 '90 2010 nicht mehr hören.

Emanzipation, Gleichberechtigung - alles eben doch in Frage! Bei der MännerfußballWM '06 standen bei uns in der Stadt schon Monate vorher Fußballbetonfiguren in der Gegend rum, im letzten Jahr konnte ich bereits lange vor dem Anpfiff „'54 '74 '90 2010“ nicht mehr hören. Männerfußball wird medial genauso gepusht – als Nationalsport geht das dann aber in Ordnung.

Dieses Jahr ist Deutschland Gastgeberland, die Zuwachsraten in Frauenfußballvereinen sind zweistellig und Sport - Fußball im speziellen - hilft, die Geschlechterdichotomie aufzuweichen und überholte Stereotype in der breiten Gesellschaft zu reflektieren. Die Anzeigetafeln der S-Bahn Hamburg haben also, neben ihrem Informationswert, der in der Tat streitbar ist, eine politische, gesellschaftsbildende und sehr förderungswürdige Funktion.

ChristophAm 26. Juni 2011

Ich stimme Juliane absolut zu, vor allem in ihrem letzten Satz.

Mag ja sein, dass der Rummel größer gemacht wird, als er eigentlich ist, aber wenn Männerfußball so gehypt werden kann (und mich persönlich interessiert der genauso wenig) dann kann Frauenfußball das auch. Dann geht es hier eben ums Prinzip. Da soll es mir recht sein.

KonstantinAm 27. Juni 2011

Ich muss meinen beiden Vorrednern leider widersprechen. Für mich hat das Alles herzlich wenig mit Emanzipation zu tuen. Diese WM als Etappe im Geschlechterkampf zu sehen, halte ich für schlichtweg übersteigert. Wie Ruben richtig sagt ist so gut wie ALLES am Hype um die WM künstlich. Ich gebe euch (also meinen Vorrednern) zwar recht, wenn ihr sagt, dass Frauenfußball förderungswürdig und auch die Entwicklung überaus positiv verläuft. Aber mit jedem Spiel wird klar, dass Frauenfußball eben noch lange nicht auf dem Level ist wie Frauenfußball. Und das alleinschon, weil Männerfußball auf eine weit über 100 jährige Entstehungsgeschichte blickt. Das zeigt allzu sehr, dass ein Sport, der in einem solchen Ausmaß Medienpräsenz genießt einer langen Entwicklung bedarf. Natürlich wurden den Frauen lange Zeit nicht dieselben Rechte und Privilegien wie Männern anerkannt, keine Frage. Aber diese Entwicklung nun künstlich zu beschleunigen ist ein Fehler.

UlliAm 28. Juni 2011

Auch wenn ich Ruben aus vollem Herzen zustimme und der Kommentar in mir innere Jubelstürme ausgelöst hat, sollte man eines bedenken:

Auch bei den letzten Männer-Weltmeisterschaften gab es in Deutschland nationale Massen die nicht wussten, wer amtierender Deutscher Meister war, und sich dennoch wie die Irren bemalt und behangen alle deutschen Spiele (wohlgemerkt kein einziges anderes) angesehen haben, eben weil sie sich einer doch Medien gehypten Massenbewegung angeschlossen haben. Zumindest in diesen Leuten, die die objektive Qualität eines Fußballspiels schlicht nicht beurteilen können, müsste auch das Potenzial stecken, sich für Spiele der Frauen zu begeistern.

KonstantinAm 30. Juni 2011

Ich denke auch, dass es genug Menschen geben wird, die zumindest die Spiele der Deutschen Frauen angucken. Das hat ja schon das 1. Spiel bewiesen. Allerdings bleibt der Fakt, dass sämtliche Spiele übertragen werden, durchaus kritisch zu betrachten.

Den Medienhype muss man meiner Meinung nach einfach differenziert betrachten, da beim Männerfußball schlichtweg viel, viel mehr dahinter steht. Und zwar Millionen- bzw. Milliardengeschäfte.

HannahAm 31. Oktober 2011

Aus dem Fazit des Autors: Frauen spielen gut Tennis, aber nicht gut Fussball. Da lehnt sich aber jemand aus dem Fenster! Oder war er hier in den Stammtisch-Vergleich mit dem Herrensport abgerutscht? Naja, hatte nichts anderes erwartet von einem Redakteur, der immer noch über weiblich/männliche "Studenten" anstatt "Studierende" schreibt. "FrauenFUSSBALL als PflichtLEKTÜRE?" - geht doch garnich, is doch in Fernseher! Hätte ich doch schon bei der Überschrift und ihrem ungewollten Oxymoron aufgehört...

VeronikaAm 31. Oktober 2011

Ganz abgesehen von meiner Meinung zu Frauenfußball: Findest du es wichtig, "Studierende" zu schreiben? Warum? Denkst du wirklich, dass das irgendwas an der Gleichberechtigung der Geschlechter ändert? Wenn ich einen Text schreibe, schreibe ich auch als Frau bewusst nicht "Studierende" oder "Lehrerinnen und Lehrer" oder "DemonstrantInnen", weil das sprachlich einfach unschön ist und einen Text kaputt machen kann. Meiner Meinung nach wird es an den Berufschancen junger Frauen und an Gehaltsunterschieden kaum etwas ändern, ob sie in einem Text in die "Absolventen" mit eingeschlossen sind oder als "Absolventinnen" eigens erwähnt werden. Höre mir aber gerne deine Meinung dazu an!

HannahAm 17. November 2011

Ganz abgesehen von meiner Meinung zu Tennis: Liebe Veronika, stumm zu bleiben heißt, die Männerwelt und -domäne zu akzeptieren. Deswegen sind in vielen Satzungen, beisielsweise an Universitäten und anderen öffentlichen/staatlichen Einrichtungen, solche "Formen nicht-sexistischer Sprachverwendung" etabliert. Aus gutem Grund. Da sollte man sich zu gegebener Zeit, mal früher, mal später, Gedanken drüber machen. In literarischen Texten kann das durchaus stören, d'accord, insbesondere die "Innen"-Konstruktion. Dieses Problem gibt es allerdings nicht bei "Studierenden", das ist weder unschön, noch macht es einen Text kaputt, da die Worte gleichartig, gleich"lang" und -klingend sind. Die Verwendung transportiert ein egalitäres Menschenbild und ein aufgeklärtes Bewusstsein, das sich nicht nur Frauen, sondern auch Redakteure aneignen könnten, so wie es in vielen Kreisen schon üblich ist, insbeosndere in denen mit Außenwirkung oder Sendeauftrag.